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Siegfried Wagners »Glück«

Internationale Siegfried Wagner Gesellschaft e.V., Bayreuth

 

Symphonische Dichtung

In den Jahren 1922 bis 1925 bildet die Fragestellung »Was ist Glück« in Siegfried Wagners Schaffen ein zentrales Thema. In den im Jahr 1922 niedergeschriebenen »Erinnerungen« heisst es:
 

Ich fühle mich durchaus nicht als tragische Gestalt, ich freue mich täglich, dass ich das Glück habe, einen solchen Vater zu haben, ich freue mich, eine solche Mutter, einen solchen Großvater mein nennen zu dürfen. Ich freue mich meiner Schwestern, die ihrem Bruder nur Liebe und Güte entgegenbringen; ich freue mich meiner schönen, heiteren, klugen Gattin, ich freue mich über die vier Kinderchen, ich freue mich, dass ich zur Heimat eine solche hübsche gemütliche Stadt wie Bayreuth habe, deren Bürgerschaft bei allen Gelegenheiten mir Zeichen ihrer ehrlichen Sympathie gibt, ich bin stolz auf das Vertrauen, das mir das Festspielpublikum und unsre Künstler entgegenbringen – und ich freue mich – last not least – dass ich nicht ganz talentlos bin und von meinen Eltern ein reichliches Quantum Humor mitbekommen habe.


Aber dieses Statement – am Schluss der »Erinnerungen« – bietet nur eine Seite der Medaille. Die verborgene Kehrseite wird nur im Schaffen des Komponisten sichtbar. Und da stößt man auf den unglücklicheren Siegfried Wagner.

Auch Adelasia in Siegfrieds Opus 14, Rainulf und Adelasia, stellt die Frage nach dem Glück. Die Handlung dieser Oper endet expressis verbis hoffnungslos, aber musikalisch mit einem Motiv, das in seiner Friedenshymne (1918) die Friedensbotschaft symbolisiert und für den Frieden selbst steht.

Gut ein halbes Jahr nach Abschluss dieser Oper näherte sich Siegfried der Frage »Was ist Glück« auf symphonische Weise. Zurückgekehrt von einer Vortragsreise aus der Schweiz, setzte er unter die Kompositionsskizze zur symphonischen Dichtung das Datum 20.4.1923, was auf den Gedenktag des 23. April 1897 vorausweist, den Todestag seines Freundes Clement Harris.
 
Den englischen Komponisten Clement Hugh Gilbert Harris hatte Siegfried Wagner während seiner Frankfurter Musikstudien als Schüler Clara Schumanns kennengelernt und mit ihm im Jahr 1892 eine Ostasienreise unternommen. Während dieser hatte sich Siegfried Wagner entschieden, selbst Komponist zu werden und das Bayreuther Erbe anzutreten. Der zwei Jahre jüngere Freund Siegfried Wagners war als Komponist zu Lebzeiten in England ebenso populär wie Edward Elgar. Als ein begeisterter Philhellene organisierte er sich im griechischen Befreiungskrieg ein eigenes Söldnerheer und starb als Freiheitskämpfer bei Pente Pigadia. Stefan George widmete dem Andenken von Clement Harris ein Gedicht im ersten Teil von »Der siebente Ring«:

 


      PENTE PIGADIA

      An Clemens, gefallen 23. April 1897

      Als ihn im kampf des Türken kugel warf
      Am ölwald von Epirus: blieb der kummer
      Nur uns um dieses blumenschweren frühlings
      Zu rasche welke … Ihn den liebling schonten
      Geschicke mit der ärgsten qual: zu schleudern
      An schranken und an öden vor dem end.
      Sein abschied spürte ob verschlossner lande,
      Ob noch verhangnen glücks die süsse schwermut.

      Er lag gefasst, nicht mehr nach heimkehr sinnend.
      Ihm gab der rausch so wunderbar gebirge
      Von Attika und pracht des Inselmeeres
      Wie er sie nie gesehen hätte – brausend
      Ward ihm das Ich der helden offenbart
      Von Pindars Hohem Lied und schwoll vereint
      Mit eignem sange … dann trifft den verlezten
      Der sich nicht tragen kann ins herz ein schuss.

      Um seine wiege war sorgloser glanz,
      Ihm reiften ruhm und huldigung, doch eitel
      War ihm ein trachten ohne frommes tun,
      Er half zum dank für nie erschöpfte wonnen
      Die Hellas schenkte – deren matten erben
      Im kriege … jezt beschämt noch unsre söhne
      Die sich in schaler lust für künftige ämter
      Verstumpfen – seine wunde wie sein lorbeer.

      Wir preisen ihn, froh dass des gottes volle
      Die für das wort und die gestalt verscheiden
      Die kalte erde immer noch gebiert
      Und dass es regt bei ihrer namen tone
      In unsren adern wie ein edler wein
      Und tage noch verheisst wo wir erwachen
      Wie neu: wo uns gelöst von jedem band
      Fern-dunkel locken und fahr-freude winkt.

      Stefan George
       



Ein kompositorisches Pendant zu Georges Gedicht bildet Siegfried Wagners symphonische Dichtung Glück, die ebenfalls dem Andenken von Clement Harris gewidmet ist und beziehungsreich als Schlussdatum in der Partitur den 10. Mai 1923 als »Himmelfahrtstag« nennt. Bei Konzerten hat der Komponist es sich selten nehmen lassen, die Zuhörerschaft selbst in sein Werk einzuführen.

Die Partitur führt als Programm an:

 

Fortuna, die holde Göttin, vernimmt aus der Tiefe das Sehnen der Menschheit nach ihr. Dem Würdigsten Segen zu spenden gewillt, fliegt sie zur Erde hinab. »Was nennst du Glück?« ruft sie einem zu. »Glück ist Macht und Gold, Ehrgeiz und Ruhm!« Das Haupt schüttelnd, wendet sie sich ab und sucht weiter. In einem Stübchen behaglich sitzend, zeigt sich ihr ein Philister. »Wenn ich meine Ruhe habe, mich nicht ärgern und nicht freuen brauche. Mein Pfeifchen genügt mir, und ein bißchen Schadenfreude!« Verächtlich lächelnd schließt Fortuna die Türe. Da fühlt sie sich am Leibe erfaßt: in taumelnder Liebeslust will ein Jüngling sie mit sich reißen. Nur mühevoll entwindet sie sich dem bacchantischen Treiben, und drohend ruft sie den Obermütigen zu: »Weh euch Verwegenen! Meinen Segen habt ihr verscherzt!« – Noch findet sie den nicht, an den sie ihre Glücksgaben verteilen will. Denn was sie jetzt erschaut, erfüllt sie mit Grauen: bleiche Mienen, wirre Augen, aus denen ein nicht zu befriedigendes Sehnen nach Glück flackert: das weislich Verborgene wollen sie erforschen, von Toten wollen sie Kunde erlangen, Zukünftiges zu erfahren. Fortuna wendet sich scheu ab: »O armselige Menschheit, nennst du das Glück?« Schon will sie nach ihren lichten Höhen zurückkehren, da vernimmt sie einen frohen Ruf. – Streiter erblickt sie auf feurigen Rossen in die Weit reiten. Sie ruft: »Ihr munteren Burschen! Wohin des Weges?« »Wir ziehen zum Kampf! Der Feind will uns das Heiltum rauben! Das soll ihm nicht gelingen!« – »Heil euch! Ihr seid die Rechten!« jauchzt die Göttin. »Wer sich selbst vergessend für Ideale lebt und streitet, dem wird mein Segen zuteil: Der Liebe wahres Glück!«


Die Komposition beginnt in Es-dur mit einer Andante-Exposition, die für die Göttin Fortuna steht. Es folgt ein Abschnitt »Glück in der Gier nach Gold und Macht«, die Idee der Göttin Fortuna leitet über zu einem in G-dur stehenden Allegretto, das als »‚Philister-Glück (‚Paucis contentus)« überschrieben ist, dem wieder die Grundidee des Glückes folgt, die nun nach B-dur zu einem Allegretto in B-dur, »Glück in der Sinnenlust«, überleitet. Als Variation III wird die kompositorische Idee des Glückes mit dem kompositorischen Material der Sinnenlust durchgeführt, die in eine Uberleitung nach A-dur mündet, der sich das »Glück in der Berührung mit der Geisterwelt« anschliesst. Auch diesmal wird das Glück in einer als Variation IV überschriebenen Durchführung mit der Geisterwelt verwoben. In C-dur, quasi Tempo di marcia, ertönt dann der Abschnitt »Das wahre Glück: Die der Menschheit segenbringende Tat«, deren Konfrontation mit der Fortuna in die Grundtonart Es-dur zurückführt. Ein in der programmatischen Erläuterung nicht genannter Epilog schliesst sich an, den Siegfried Wagner in einer Skizze als »Freiheit: Seelenharmonie« umschreibt.

Die Uraufführung der symphonischen Dichtung Glück war im Münchner Odeon für den 10. November 1923 unter der musikalischen Leitung des Komponisten geplant. Doch dazu kam es nicht – in Folge des versuchten Hitler-Putsches. Die Aufführung wurde Mitte Dezember am selben Ort nachgeholt.

Für einige Jahre bildete Glück den Schwerpunkt von Siegfried Wagners rastloser Konzerttätigkeit. Es stand auch im Mittelpunkt des Konzertes am 25. Juli 1926, mit dem die erste Siegfried Wagner-Festspielwoche in Weimar eröffnet wurde.

Noch einmal griff Siegfried Wagner die Frage nach dem Glück ein Jahr später mit seinem Scherzo Hans im Glück auf, dessen Kompositionsskizze er am 4. Oktober 1924 abschloss. Dieser explizit antimaterialistische Märchenstoff lehrt, dass man nur ohne Besitz glücklich sein kann.

Die musikalische Form folgt der dichterischen Vorlage, wonach Hans als Lohn von seinem Herrn ein Goldstück geschenkt bekommt, das er durch Tauschobjekte von immer geringerem Wert einbüßt. Zuletzt fällt ihm das fünfte Tauschobjekt in den Brunnen, woraufhin Hans freudig aufspringt und ein Dankgebet zum Himmel richtet: »So glücklich wie ich«, rief er aus, »gibt es keinen Menschen unter der Sonne.«

Der erste Teil in E-dur schildert Hans auf seiner Wanderschaft mit dem Goldklumpen. Ein Teil in h-moll zeichnet die unglückliche Episode mit dem Pferd. Eine Durchführung beider Teile entspricht der Überlegung, dass Gold und Fortbewegungsmittel nicht das Glück bedeuten können. Die Episode mit der Kuh steht im 9/8-Takt. Das Glück über den Tausch (C-dur, E-dur) trübt sich jedoch bald und weicht den Überlegungen, es doch nicht so glücklich getroffen zu haben. Zwei neue Abschnitte stehen für die im Tausch erworbenen Tiere Schwein und Gans. Noch einmal setzen Hans' Überlegungen ein, Gold und Pferd werden noch einmal durchgeführt. Der Schleifstein, das letzte Tauschobjekt, entspricht musikalisch dem Goldklumpen des Anfangs.

Wie in der symphonischen Dichtung Glück wird das echte Glücksgefühl in der Coda musikalisch zum Ausdruck gebracht, dort als »Seelenharmonie«, hier als das Glück eines Menschen, der sich von allem Besitz und allen Verpflichtungen befreit hat. Das Motiv, das den nun völlig freien und sorglosen Hans seiner Heimat entgegenspringen lässt, zeigt eine starke Verwandtschaft zum Motiv des Wehrhold, der männlichen Hauptfigur in Siegfried Wagners Opus 18, Das Flüchlein, das Jeder mitbekam. Wehrhold, der mit diesem Thema in die Welt hinauszieht, trägt wiederum stark autobiographische Züge des Komponisten. Es liegt nahe, auch im Hans im Glück eine Wunschprojektion Siegfried Wagners zu vermuten.


Quelle: Programmheft zum Sonderprojekt des Radio-Symphonie-Orchesters, Berlin 26. und 27. April 1986 (mit freundlicher Genehmigung des Autors)
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