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Opernpotpourri oder Violinkonzert ?

Internationale Siegfried Wagner Gesellschaft e.V., Bayreuth

 

Konzert für Violine mit Begleitung des Orchesters

Wie die Entschlüsselung von Siegfried Wagners Marchencollage An allem ist Hütchen Schuld !, auf die dieses Konzert musikalisch Bezug nimmt, erst in unseren Tagen durch Bruno Bettelheims psychoanalytischen Ansatz in vollem Umfang möglich wurde, so bedarf auch das sinfonische Werk einer Dechiffrierung. Und das jenseits der akustischen Anmut, die diesem einsätzigen Werk allemal zu bescheinigen ist. Stets haben Siegfried Wagner seine Werke dazu gedient, Problemstellungen der Umwelt, der privaten Hemisphäre wie der Tagespolitik künstlerisch zu bewältigen.

Das Konzert für Violine mit Begleitung des Orchesters, das am 1. Juni 1915 in Partitur abgeschlossen wurde, bezeichnet bereits Paul Pretzsch in seiner thematischen Analyse »Die Kunst Siegfried Wagners« als »ein symphonisches Gedicht mit konzertierender Violine«, ohne jedoch einen Hinweis auf das »Gedicht« selbst zu geben.

Die Hütchen-Oper ermöglicht die Rekonstruktion des Gedichts, jenes Programmes, das Siegfried Wagners Absicht, sich zu verloben, vorwegnimmt.

Der Moderato-Einleitung in e-moll entspricht die zurückliegende, traurige Zeit: Reflexion des Sich-Nichterkennens. Wie ein Sternenkind erscheint Frieder (alias Fidi = Siegfried Wagner) die junge Katherlies, die gerade zur Frau herangereift ist. (Winifred hatte zu diesem Zeitpunkt knapp ihr achtzehntes Lebensjahr erreicht.) Orchestral ertönen Frieders Worte: »Sonst träumte mir von einer holden, süßen Maid.« Trost leitet über nach B-dur, wo Frieders Auftreten in der Gesellschaft und sein Tatendurst abgelöst werden vom Entschluss der Katherlies'. Frieders Freude auf die Heimkehr schließt sich an.

In fis-moll erklingen sodann Frieders Selbstbewusstsein und Katherlies'chens Sehnsucht. Teufel und Hexen mischen sich störend ein, aber Frieders Tatenlust siegt, und in G-dur  der Paralleltonart zur Grundtonart  erklingt die Frage der Katherlies': »Frieder, liebster Frieder mein, soll nicht bald Hochzeit sein?« Diese Fragestellung verselbständigt sich allerdings in der Oper thematisch und steht dann für die Dummheit und Unerfahrenheit des Mädchens. Der Reifeprozess der Katherlies' schließt sich an, gefolgt vom Auftreten Frieders in der Gesellschaft.

Die Reprise bringt nochmals das Thema der traurigen Zeit und die Erscheinung der Katherlies' mit ihrer Liebesfrage. Dann führt Frieders Tatenlust  wohl gemeint als Entschluss zur Ehe  das Konzert zum glücklichen Ende.

Die Problematik »Außenseiter versus Gesellschaft« ist jener spezifische, rote Faden, der sich durch alle musikdramatischen Werke Siegfried Wagners zieht. In diesem Konzert steht die Solovioline im übergeordneten Sinn für den Außenseiter, das Orchester für die Gesellschaft. Innerhalb der einsätzigen Form lassen sich Einleitungs- und Rondoteil herauslesen, aber, wie stets bei Siegfried Wagners symphonischen Werken, ist die dichterische Idee formbildend.

In seiner Studie »Das deutsche nachromantische Violinkonzert von Brahms bis Pfitzner« weiss Gerhard Heldt mit dem einzigen Beitrag Siegfried Wagners zu dieser Gattung wenig anzufangen, denn »einer potpourriähnlichen Paraphrase über bekannte Themen der Operngeschichte fehlt  als Violinkonzert dargeboten  einfach jede Daseinsberechtigung.« Obendrein glaubt Heldt »Anleihen« bei Brahms, Tschaikowsky, Wagner, Weber, Lortzing und Rossini feststellen zu können.

Er übersieht zunächst einmal, dass der besondere Titel  ähnlich Rudi Stephans »Musik für Geige und Orchester in einem Satz«  bereits eine Besonderheit konstatiert und dass eben kein Violinkonzert, mit obligatorischer Kadenz, vorliegt.

So haben wir es beim Konzert für Violine mit Begleitung des Orchesters weder mit einem Violinkonzert noch mit einem Opernpotpourri zu tun, sondern mit einer symphonischen Dichtung, frei nach der Oper An allem ist Hütchen Schuld !

Die Uraufführung dieses Werkes fand am 6. Dezember 1915 im Nürnberger Herkules-Saal statt; unter der musikalischen Leitung des Komponisten spielte Seby Horvath die Solovioline, begleitet vom verstärkten Philharmonischen Orchester. Später stand das Werk haufig auf Siegfried Wagners Konzertprogrammen. Ein berühmter Interpret des Konzertes war Henry Marteau. Bei einem Konzert der Münchner Philharmoniker im Januar 1930 spielte Carl Snoeck den Solopart. In einer historischen Aufnahme unter der musikalischen Leitung von Karl Böhm mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden ist Willibald Roth der Solist. Seit der Wiederentdeckung des Konzertes im Jahr 1969 interpretierten es die Violinisten Gerhard Seitz, Aftila Kubinyi und Jenny Abel, die das Werk auch auf Schallplatte eingespielt hat.


Peter P. Pachl


Quelle: Programmheft zum Sonderprojekt des Radio-Symphonie-Orchesters, Berlin 26. und 27. April 1986 (mit freundlicher Genehmigung des Autors)
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