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»wagnerspectrum« mit Schwerpunkt Siegfried Wagner

wagnerspectrum Bd. 29 – »Schwerpunkt: Siegfried Wagner«

wagnerspectrum Bd. 29

Die aktuelle Ausgabe der Reihenpublikation wagnerspectrum ist anlässlich seines 150. Geburtstags Siegfried Wagner gewidmet.
 
Der von Arne Stollberg, Dieter Borchmeyer, Sven Friedrich, Hans-Joachim Hinrichsen, Nicholas Vazsonyi und Friederike Wißmann herausgegebene 29. Band enthält folgende Beiträge über Siegfried Wagner:
 

  • Achim Bahr: Re-/Projektion. Siegfried Wagner zwischen Antizipation und Realisation
  • Sven Friedrich: Beruf: Sohn. Die Festspielleitung Siegfried Wagners zwischen Berufung und Bestimmung
  • Tobias Robert Klein: Moderne, Mob und Massenwahn. Zum gattungs- und kulturgeschichtlichen Kontext von Siegfried Wagners Märchenopern
  • Peter P. Pachl: Steinzauber: Hermeneutisches in Dichtung und Musik – vom Kobold bis zu Rainulf und Adelasia
  • Katharina Hottmann: Wie klingt das Glück? Beobachtungen zu einer zeitgemäß-unzeitgemäßen Weltanschauungsmusik von Siegfried Wagner
  • Arne Stollberg: Wider den Geist der Geschichte? Siegfried Wagners Symphonie in C
  • Claudia Behn: »Sieg! und mit ihm Frieden«. Siegfried Wagners Friedens-Hymne (1918) unter musikalischen, textlichen, entstehungs- und rezeptionsgeschichtlichen Aspekten
  • Julian Caskel: Siegfried Wagner als Dirigent. Ästhetische und analytische Beobachtungen anhand der erhaltenen Tonaufnahmen
     

Das Buch (ISBN 978-3-8260-6800-3) hat 250 Seiten und kostet einzeln € 24,00.

 
Ursprungs-Zutaten des Pfannekuchen-Liedes

Siegfried Wagner benutzte mehr Quellen, als bislang bekannt, für sein Märchen vom dicken, fetten Pfannekuchen
 
Zum 150. Geburtstag von Siegfried Wagner kann vermerkt werden:  Für den Text seines Liedes Das Märchen vom dicken, fetten Pfannekuchen verwendete der Sohn Richard Wagners wahrscheinlich mehr Quellen als bislang bekannt. Er selbst gibt die Sammlung »Neue Märchen nach Grimm« (Jena 1912) an. Dieser Hinweis bezeugt aber nicht die Herkunft der lautmalerischen Formulierung »Kanntapper, kanntapper« für die Fortbewegung des Pfannekuchens. Peter P. Pachl ordnete sie in seinem Begleitheft-Text zur CD Wahnfried-Idyll, auf der das Pfannekuchen-Lied enthalten ist, dem fränkischen Iidiom zu. Gegen diese Annahme hatte ich Zweifel, da ich Versionen der Geschichte vom dicken fetten Pfannekuchen in mehreren Zusammenhängen, die ich kaum in Zusammenhang mit Siegfried Wagner bringen kann, hörte – immer mit der Formulierung »Kanntapper, kanntapper«. In Niedersachsen, wo meine Großeltern herstammen, ist – insbesondere bei älteren Menschen – dieses Märchen mit dem ungewöhnlichen Wort in weiten Kreisen verbreitet. Das spricht dafür, dass das lautmalerische Wort unabhängig vom Wagner-Sohn entstanden sein dürfte.  Dies bewog mich, einmal im Internet gezielt nach der »Pfannekuchen«-Geschichte und dem Wort »Kanntapper« zu suchen.
 
Dabei stieß ich darauf, dass die Brüder Carl und Theodor Colshorn 1854 eine Sammlung mit dem Titel »Märchen und Sagen aus Hannover« herausbrachten. Dieses Buch enthält auch das Märchen »Vom dicken fetten Pfannekuchen«, und zwar mit der Formulierung »Kanntapper, kanntapper« für die Fortbewegung des Gebäcks.
 
Da die von Siegfried Wagner genannte Textquelle keinen Hinweis auf das lautmalerische Wort enthält, ist es wahrscheinlich, dass Richard Wagners Sohn auch die niedersächsische Sammlung der Colshorn-Brüder kannte oder das Märchen aus dieser Sammlung irgendwo vorgelesen bekam. Nachforschungen hierüber und über verschiedene andere Quellen Siegfried Wagners lohnen sich und können vielleicht zu interessanten Entdeckungen führen. Siegfried Wagners Pfannekuchen-Zutaten sind wohl längst noch nicht sämtlich bekannt.
 

Sönke Remmert

 
»Schwager Chronos« – Nachruf auf Konrad Bach  † 

Zum Tod von Konrad Bach erinnert sich dessen einstiger Vorgesetzter, der obendrein auch sein Stellvertreter im Amt des ISWG-Präsidenten war.
 
Am 28. März 2019 verstarb im thüringischen Gossel der ISWG-Präsident der frühen Neunzigerjahre, Konrad Bach.
 
Konrad Bach wurde am 6.10.1940 in Großrohrsdorf O/L als Sohn des Kantors und Lehrers Kurt Bach geboren. Ersten Klavierunterricht erhielt er mit fünf Jahren und hatte 1949 seinen ersten öffentlichen Auftritt mit zwei kleinen Beethoven-Sonaten. In den Jahren 1951 bis 1959 war er Mitglied des Dresdner Kreuzchores. 1962 begann er das Kapellmeisterstudium an der Hochschule für Musik »Carl Maria von Weber« in Dresden bei Prof. Neuhaus (Dirigieren) und Prof. Eva Ander (Klavier), das er 1968 mit dem Staatsexamen beendete. Ab 1968 war er für zehn Jahre 2. Kapellmeister der Landesbühnen Sachsen-Radebeul. Von 1967 bis 1976 nahm er alljährlich am Dirigentenseminar in Weimar bei Prof. Arvid Jansons teil und belegte 1971 den 4. Platz beim Dirigenten-Wettbewerb »Carl Maria von Weber« in Dresden. Ab 1978 war Konrad Bach Chefdirigent der Landeskapelle Rudolstadt, die 1991 mit dem Sinfonieorchester Saalfeld zu den Thüringer Symphonikern Saalfeld-Rudolstadt fusioniert wurde. Nur selten führten den Musikdirektor des Thüringer Landestheaters Gastdirigate in andere deutsche Städte, nach Rumänien und in die Tschechoslowakei.
 

Konrad Bach bei der Probe zu »Der Bärenhäuter« auf der Heidecksburg, Rudolstädter Festspiele 1993

Konrad Bach bei der Probe zu Der Bärenhäuter auf der Heidecksburg, Rudolstädter Festspiele 1993

Nach der Fusion der Theater in Rudolstadt und Eisenach im Jahre 1995 arbeitete Konrad Bach noch für einige Jahre am Landestheater Eisenach. Seine im Jahre 2015 vollendete Komposition »Komm, Gott, Schöpfer, Heiliger Geist« wurde zwei Jahre später in Saalfeld uraufgeführt; im selben Jahr brach seine Krankheit aus, der er im Alter von 78 Jahren erlegen ist. – Aus seiner ersten Ehe mit Maria Bach hinterließ Konrad Bach die Adoptivtochter Christiane und aus seiner Ehe mit Sieglinde Bach die Töchter Susanne und Ulrike.
 
Besondere musikalische Höhepunkte hatte Konrad Bach in der Zeit meiner Intendanz am Thüringer Landestheater Rudolstadt, in der ersten Hälfte der Neunzigerjahre gesetzt, insbesondere bei den im Jahre 1992 wiederbelebten ältesten Festspielen Deutschlands, den Rudolstädter Festspielen – mit Aufführungen der Opern Siegfried Wagners, open air auf der Heidecksburg sowie im Thüringer Landestheater.
 
Die musikalischen Ergebnisse der international gefeierten Triumphe jener Zeit belegen eine Reihe von CD-Premieren. Unter Konrad Bachs musikalischer Leitung erschienen Ersteinspielungen von Richard Wagners 2. Symphonie (der fragmentarischen »Rudolstädter«), zwei Schiller-Melodramen von Max von Schillings, Hans Pfitzners Kantate »Urworte Orphisch» und die sinfonische Dichtung »Paradise Lost« von Clement Harris. Insbesondere aber brachte das Label Marco Polo (Naxos) unter Konrad Bachs musikalischer Leitung die erste Einspielung von Siegfried Wagners Sehnsucht heraus sowie – als erste Gesamtaufnahmen in der Rezeptionsgeschichte der Werke Siegfried Wagners – dessen Opern Der Bärenhäuter, op. 1 und Schwarzschwanenreich, op.7.
 
Obendrein erschien ein großer Querschnitt der Uraufführungsproduktion Wahnopfer op.16 als Eigenproduktion des Thüringer Landestheaters auf CD.
 

»Der Bärenhäuter« auf der Heidecksburg mit Konrad Bach am Pult, Rudolstädter Festspiele 1993

Der Bärenhäuter auf der Heidecksburg mit Konrad Bach am Pult, Rudolstädter Festspiele 1993

Auch die programmatische Ausrichtung der Konzerte der Thüringer Symphoniker in den Jahren gleich nach der Wende besaß einen Siegfried Wagner-Schwerpunkt durch Bachs Interpretationen seiner Werke für den Konzertsaal. So erklangen etwa dessen Violinkonzert, das Vorspiel zu Bruder Lustig op.4, die Tugendmühle aus An Allem ist Hütchen Schuld! op.11 und – als eine von Konrad Bach erstellte Bearbeitung – eine Suite für 12 Harfen aus Sternengebot op.5.
 
Derartig nachhaltigen Einsatz für Siegfried Wagner dankte die Internationale Siegfried Wagner Gesellschaft e.V. mit der Wahl Konrad Bachs zum Präsidenten.
 
Für die Uraufführung von Siegfried Wagners Opernfragment Wahn-Opfer rekonstruierte Bach aufgrund seiner profunden Kenntnis der Partituren Siegfried Wagners das Ende dieses Operntorsos, den Schlussgesang des Argimund.
 
Nach der funsionsbedingten Beendigung der Rudolstädter Festspiele und auch nach Ende seiner ISWG-Präsidentschaft blieb Konrad Bach dem Oeuvre Siegfried Wagners aktiv verbunden. So verfasste er den Klavierauszug des Vorspiels zur Oper Die heilige Linde op.15.
 
Ohne Konrad Bach hätte es auch nicht die postume Uraufführung von Siegfried Wagners Friedens-Hymne in Würzburg gegeben, deren Partitur und Aufführungsmaterial im Verlag Ries & Erler in Berlin erschienen sind: meiner Bitte folgend, hatte Konrad Bach Siegfried Wagners nachgelassenes Particell authentisch nachorchestriert.
 
Nach Beendigung meiner Zeit als Intendant des Thüringer Landestheaters und der Rudolstädter Festspiele traf ich nur noch einmal mit Konrad Bach zusammen. Anlässlich der konzertanten Uraufführung der Oper Die heilige Linde, 2000 in Köln, veranstaltete die ISWG mit dem WDR ein einwöchiges wissenschaftliches Symposion zu Siegfried Wagner. Dazu hatten wir auch Konrad Bach als Referenten eingeladen. Er lieferte einen sehr individuellen Beitrag, indem er seine Ausführungen mit Beispielen am Klavier und mit lauter Stimme singend untermauerte. Sein Beitrag ist im Siegfried Wagner-Kompendium 1 nachzulesen.
 
Persönlich erinnere ich mich gerne unserer gemeinsamen Opernproben, bei denen Bach  gerne gerade nicht vorhandenen Solist_innen-Einsätze laut vom Klavier aus schmetterte – auf der Probebühne, wie auf der Bühne des Landestheaters, auf einem ehemaligen Kasernenhof  und auf dem Innenhof der Heidecksburg. Der Vollblutmusikant alter Schule erwies sich dabei als ein allen szenischen Deutungen gegenüber aufgeschlossener Kollege, der es verstand, ungewöhnliche szenische Neuansätze – neben meinen eigenen auch die der Regisseurskollegen Konstanze Lauterbach und Steffen Kaiser – mit seiner fundierten Interpretation musikalisch zu untermauern.
 
Zur Freude der Besucher aus dem In- und Ausland boten die beiden Hauptverantwortlichen der Siegfried Wagner-Produktionen, die Leiter Bach und Pachl, allmorgendlich zur Festspielzeit improvisierte Einführungsvorträge zu den Opern. Anfangs waren die Besucher bei diesen Einführungen zu den Werken Siegfried Wagners an ein bis zwei Händen abzuzählen; aber genau jene Besucher wurden dann zu den treuesten Gästen unserer Rudolstädter Festspiele. Da ich zur Zeit meiner Arbeit in Thüringen noch mit der Bühnenbildnerin Tamara Oswatitsch verheiratet war, die mütterlicherseits der Annaberger Bach-Linie entstammte, der auch Konrad Bach angehörte, nannte ich meinen musikalischen Leiter scherzhaft Schwager Chronos, meinen Schwager (auf) Zeit.
 
Nun hat die Zeit den treuen Mitstreiter zu früh hinweggerafft. – Die Internationale Siegfried Wagner Gesellschaft e.V. bleibt ihrem ehemaligen Präsidenten zu Dank verpflichtet. Und für die Freunde der Kunst Siegfried Wagners lebt Konrad Bach in seinen Ersteinspielungen fort.

Peter P. Pachl

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