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Zur Kontroverse um Siegfried Wagner

Internationale Siegfried Wagner Gesellschaft e.V., Bayreuth

 

Ansichten und Meinungen

Die 1980 in Orleans geborene Fanny Chassain studierte Germanistik an den Universitäten in Orleans und in Leipzig. Derzeit promoviert sie über das Thema »Parzival«. Die von ihr im Jahr 2002 eingereichte Magisterarbeit über »Hitlers selbstdarstellerische Rhetorik in Mein Kampf« wurde von ihrer Professorin Dr. Dr. Lydia Hartl (Kulturreferentin in Bayern) mit der Note sehr gut bewertet. Unter dem thematisch gegebenen Aspekt beinhaltet Fanny Chassains Magisterarbeit auch eine Analyse der Künstlerpersönlichkeit Siegfried Wagners. Mit freundlicher Genehmigung der Autorin veröffentlichen wir diesen Teil der Arbeit auf den nachfolgenden Seiten; PPP

 


2) Ein guter Mensch


a) Friedelind Wagners Nacht über Bayreuth

Siegfried hat nie gewollt, dass seine Kinder Künstler werden: »Gott gebe, dass meine Kinder davor bewahrt werden, Künstler werden zu wollen! Lieber sollen sie Stadtschreiber werden, als dass sie die Enttäuschungen durchmachen, die mir zuteil werden«. (Brigitte Hamann, Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth; 65.)

Zur Zeit ist er arm und Winifred sagt: »Heute abend habe ich Dir als Wert- und Eilpaket ein paar Fressalien geschickt – ein Sandwich-Brot, eine halbe Wurst, die Dir hoffentlich nicht zu fett ist, sonst schenke sie Stassen, einen Rest von einem Kuchen und eine Dose Marmelade.« (Hamann , ebda.)

Am 30. Oktober 1919 kommt ein junger Mann nach Haus Wahnfried: er heisst Adolf Hitler. Friedelind hat diese Einnerung von ihm: »Endlich bog ein Wagen aus der Richard-Wagner-Allee ein. Ein junger Mann sprang aus dem Wagen und ging auf uns zu. Er sah recht gewöhnlich aus in seinen kurzen bayerischen Lederhosen, den dicken Wollsocken, einem rotblau karierten Hemd und einer kurzen, blauen Jacke, die um seinem mageren Körper schlotterte; die spitzen Backenknochen schienen die hohlen, fahlen Wangen durchbohren zu wollen, seine blauen Augen glänzten unnatürlich in fanatischer Glut; er hatte einen ausgehungerten Blick.« (Friedelind Wagner, Nacht über Bayreuth; 20.)

Sobald er Siegfried traf, hatte der keine große Hoffnung: »Vater lächelte nachsichtig; auf ihn hatte dieser krankhaft aussehende junge Mann keinen Eindruck gemacht.« (a.a.O.; 22).

Man muss sagen, dass Siegfried politisch gesehen zu dieser Zeit noch sehr monarchisch empfand: »Vater war von dem Deutschland der Nachkriegszeit enttäuscht. Im Herzen war er immer noch, wie die meisten Deutschen, Monarchist.« (Friedelind Wagner, Nacht über Bayreuth; 28.) Nach Friedelind war ihr Vater überhaupt nicht rechtsradikal; trotzdem hat er einmal einen Irrtum begangen: »Vater war entsetzt bei dem Gedanken, dass die bayerische Regierung auf General Ludendorff, Deutschlands Abgott, hatte feuern lassen. Mutter konnte ihn in dieser Stimmung überreden, nach Innsbruck zu fahren, wo Göring, der über die Alpen geflohen war, in einem Krankenhaus lag, ernstlich verwundet. Vater, dem Unglück nahe ging, fand Göring, gepflegt von seiner schönen schwedischen Frau, die selbst krank war; sie waren ohne einen Pfennig Geld. Vater bezahlte ihre Rechnungen und ermöglichte es ihnen, nach Venedig zu reisen, wo sie ein Jahr in einem Hotel wohnten, dessen Besitzer, ein Freund von Vater, ihnen keinen Pfennig berechnete. Dies war meines Vaters einziger Beitrag zur Nazi-Bewegung.« (a.a.O.; 29)

Siegfried beging diesen Fehler, weil er ein guter Mensch war, der den Anderen immer geholfen hat, wenn er es konnte. Obwohl er sehr populär war, war er immer spontan und offen mit Besuchern oder mit den Bayreuther Einwohnern. Er war nie allzu eifrig. Nach der Putsch-Geschichte hatten sogar Siegfrieds Bekannte gedacht, dass er selbst Hitlers Putsch finanziert hatte.

Das hörte er in New York und war ganz bestürzt: »Als er in New York ankam, musste er eine gewisse kühle Reserve ihm gegenüber feststellen, selbst seitens seiner besten Freunde. Später erfuhr er, dass Übelwollende nach New York gekabelt hatten, Vater habe zu Hitlers Putsch die Gelder beigesteuert, die von begeisterten Wagner-Anhängern in der ganzen Welt zur Wiedereröffnung gestiftet worden seien, obwohl Vater die Wiedereröffnung hauptsachlich mit den durch seine Konzerte erworbenen Mitteln ermöglicht hatte. Die offensichtliche Begeisterung meiner Mutter für die Nazis war meinem Vater in die Schuhe geschoben worden.« (a.a.O.; 30).

Als Hitler nach Landsberg geschickt worden war, wurde Winifred ganz deprimiert. Siegfried war mit seiner Frau nicht sehr einverstanden: sie hat Hitler Nahrungsmittel, Bonbons und Papier ins Gefängnis geschickt.

Siegfried war sehr stressig zu dieser Zeit wegen der Festspiele. Er wollte nicht, dass die Festspiele – die sein Lebenswerk waren – und das Werk seines Vaters wegen Winifred einen schlechten Ruf bekamen; deswegen war er besorgt, als er erfuhr, Winifred habe Papier für das Verfassen von »Mein Kampf« an Hitler geschickt: »Sie wusste gar nicht, dass Hitler literarischen Ehrgeiz hatte, aber auf diesem Papier und mit ihrer Tinte und Federn schrieb er den ersten Band seines ‚Mein Kampf. Diese Tatigkeit bereitete Vater Sorgen, denn sie schuf eine unglückliche Atmosphäre für die Eröffnung der Festspiele. Er wusste schon, dass er Mutter eigentlich veranlassen müsse, ihre Beziehung zu den Nazis aufzugeben, konnte jedoch nicht streng zu ihr sein. Er machte aber damals die einzige bittere Bemerkung, die ich je von ihm gehört hatte: ‚Winnie vernichtet alles, was ich so verzweifelt aufzubauen versuche.« (a.a.O.; 33).

 


b) Ein genialer Opernmeister

Als Opernmeister war Siegfried sehr begabt: »Vaters Art, die Sänger auszusuchen, schien willkürlich; er hielt aber nichts vom Vorsingen, da er der Überzeugung war, dass jeder Künstler, der vorsingt, nervös wird und daher selten gut sein kann. Zudem, wie sollen die Beurteiler wissen, ob der Sänger noch etwas anderes kann außer der Arie, die er vielleicht jahrelang geübt hat? Er zog es vor, inkognito Aufführungen zu besuchen und den Sänger, für den er sich interessierte, anzuhören; gefiel ihm ein Sänger, ging er nach der Aufführung hinter die Bühne und machte ein Angebot. Gefiel er ihm nicht, ging er ruhig wieder fort; niemand war damit geschädigt, keine Gefühle waren verletzt worden.« (a.a.O.; 38).

Er war sehr tolerant und akzeptierte deswegen auch Sänger, die ursprünglich keine Sänger waren! Siegfrieds Talent war bekannt, eine Anekdote wird hier erzählt. Nach der Uraufführung des kobold im Hamburger Stadttheater wurde Siegfried heftig umjubelt. Pohl, ein zeitgenössischer Kritiker, beurteilte den Erfolg als »riesig, kolossal, gigantisch«, in diesen Superlativen. »18 Hervorrufe am Schluss! Was von diesem Enthusiasmus dem Sohn Richard Wagners, was dem Dichter-Komponisten Siegfried Wagner gegolten hat, muss die Zukunft lehren.« Aber die Feinheit, der Höhepunkt dieser Kritik, ist in einfachster Weise ausgedrückt: »Dass er, der Sohn Wahnfrieds, den Dialekt von Bayreuth spricht (nicht die tragische Weltsprache des Vaters) , wer wollte es ihm übel nehmen?«

Diese Aussage charakterisiert Siegfried Wagners Opernschaffen. Siegfrieds Erfolge als Dirigent und Regisseur sind unbestritten. Er war ein fleißiger Mann, der kritikloses Schwärmen, ihn betreffend, richtig einzuordnen wusste. Ludwig Karpath (1866 – 1936) studierte am Budapester Konservatorium und war von 1894 bis 1921 Referent für das Neue Wiener Tageblatt. Er verfasste im Jahre 1902 eine Biografie von Siegfried Wagner. Darin heisst es beispielsweise: »Es kann nicht geleugnet werden, Siegfried Wagner ist der geistvollste und bedeutendste Opernregisseur der Gegenwart. Er ist noch mehr, er ist der prädestinierte Leiter der Bayreuther Festspiele und der einzige, der gleichzeitig sein eigener Dirigent ist«. Ab 1906 übernahm Siegfried die alleinige Leitung der Festspiele. Albert Schweitzer (1875 – 1965), der bekannte Theologe, Arzt und Friedensnobelpreisträger) bekannte in einem Interview: »Ich war sehr glücklich, Siegfried Wagner näher zu kennen. Selten bin ich einem Mann begegnet, der so natürlich und so gut war. Als Regisseur und Leiter der Festspiele war er wunderbar. Er beachtete jede Kleinigkeit, wie konnte er die Sänger belehren und inspirieren! Er zwang sie niemals, etwas gegen den Strich zu tun, er regte sie dazu an, ihre eigenen Konzeptionen der Partien zu vertiefen und zu vervollkommnen.« Diese Charakterisierung Siegfrieds durch den Arzt-Musiker bekräftigt das Bild, das uns durch zahlreiche weitere Beweise überliefert ist.

Siegfried hatte eine sehr gute Beziehung zu den Kindern, besonders zu Friedelind, die von Winifred als enfant terrible oder schwarzes Schaf angesehen wurde. Als Winifred sie hart bestrafte, was oft und zeitweise täglich passierte, war Siegfried immer besorgt und traurig: »Manchmal glaubte ich, dass Vater mit mir leide, aber das einzige, was er bei solchen Gelegenheiten für mich tat, war, mir nachher seine Liebe zu beweisen, indem er große Achtung für meine Ansichten zeigte. Aus dem gleichen Grund stellten sich die Tanten auf meine Seite, was Mutter kränkte und ihre Anstrengungen, mich zu meistern, noch verstärkte.« (a.a.O.; 48)

Wenn Siegfried nicht im Festspielhaus zu tun hatte, arbeitete er an einer neuen Oper. Friedelind erinnert sich, wie sie als Kind begeistert war, wenn ihr Vater an einer Oper arbeitete: »Er hatte bereits das Libretto fertiggestellt und ging jeden Morgen nach dem Frühstück ins Junggesellenhaus, um dort an der Partitur zu arbeiten. Er durfte nie gestört werden, aber wenn ihm das Mädchen um 10 Uhr ein Glas Milch hinüberbrachte, schlüpfte ich oft hinter ihr her ins Haus und versteckte mich unter einem der Flügel; von den drei, die in seinem Arbeitszimmer standen, konnte man den, der Liszt gehört hatte, am schwierigsten erreichen, vielleicht war er darum mein Lieblingsplatz.« (a.a.O.; 62).

Friedelind formulierte über Siegfrieds architektonisches Talent: »Ursprünglich hatte Vater Architekt werden wollen und hatte ganze Zeichenblocks mit Plänen einer Traumstadt, die er »Wankel« nannte, gefüllt. Er studierte auch tatsächlich einige Semester Architektur an den Technischen Hochschulen von Berlin und Karlsruhe.« (ebda.). Siegfried war durch die Bedeutung seines Vaters gehemmt. Er war zu bescheiden, er hing zu sehr an Richard Wagners Werk, um als Komponist für sich Ruhm erwerben zu können. Man weiß, dass er durchaus ein großer Künstler war. Sein Talent war anders als das Richard Wagners: »Es drückte sich nicht in überwältigenden Dramen aus, er war ein Dichter, ein Lyriker, er hatte eine besondere schöne und zarte Sprache. Heute ist es mir klar, dass er der größte Opernregisseur seiner Zeit war.«(a.a.O.; 63).

Wenn man Friedelinds Buch liest, gewinnt man den Eindruck, dass Siegfried Wagner ein perfekter Mensch war. Trotz seiner Popularität war er immer mit den Bayreuthern oder mit den Touristen, die Wahnfried besuchten, sehr freundlich und offen. Er wollte auch zwischen den Menschen keinen Unterschied machen, ob sie Juden waren oder nicht.

 


3) Siegfried Wagner – rechtsradikal oder Kosmopolit?


a) Friedelinds Meinung

Siegfried war relativ zufrieden, oder besser gesagt beruhigt zu wissen, dass Hitler und seine Gefährten im Gefängnis saßen. Zu dieser Zeit dachte Siegfried, dass Winifred weniger durch Hitler beeindruckt war; sie war rechtsradikal beeinflusst.

Obwohl Hitler oft in Bayreuth  war, und obwohl er mit Winifred sehr eng verbunden war, hatte Siegfried eine schlechte Meinung über ihn. In Zdenko von Krafts Buch »Der Sohn. Siegfried Wagner, Leben und Umwelt« ist folgende Bemerkung Siegfried Wagner zu lesen: »Lügen sind auch dieses Jahr in der Presse verbreitet worden, zum Beispiel, dass Hitler von uns eingeladen worden sei! Es muss eben gelogen sein, sonst fühlt sich die Menschheit nicht wohl.«

In der Tat hatte Winifred Hitler oft zu sehr später Stunde eingeladen, damit Siegfried es nicht bemerkte: »Als kurz nach Hitlers Entlassung aus der Festung im Februar 1925 die Partei neu gegründet wurde, ging Mutter nach München und nahm an der ersten Versammlung teil. Sie fuhr dann mit Hitler und seinen Adjutanten nach Wahnfried und hielt sie dort über Nacht verborgen. Niemand wusste von diesem Geheimnis außer Wieland, der es so gut hütete, dass ich es ihm während dreizehn Jahren nicht entreißen konnte.« (a.a.O.; 51).

Siegfried hat nie den Angriffen gegen jüdische Sänger Folge geleistet. Hitler wollte nicht mehr erlauben, jüdische Sänger zu engagieren, aber Siegfried hat die Arbeit jüdischer Sänger ausdrücklich befürwortet. Es erhebt sich gleichwohl die Frage: War Siegfried Wagner rechtsradikal? Diese Frage kann man stellen, weil man weiß, wie Winifred für Hitler in der NS-Bewegung engagiert war. Und man kennt den Antisemitismus der Familie Wagner.

Nach Friedelind war ihr geliebter Vater überhaupt nicht nationalsozialistisch eingestellt; ihrer Ansicht nach hat er jedoch einmal einen Fehler gemacht (er hat Göring geholfen). Siegfried liebte den Unterschied und konnte nicht verstehen, dass man Juden schlecht behandelt. Es gibt tatsachlich einen Beweis, der zeigt, dass Siegfried kein Rechtsradikaler war. Das ist ein Brief an Herrn Püringer. Wenn man diesen Brief durchliest, ist es schwer zu glauben, Siegfried habe rechtsradikal gedacht oder gehandelt.

In »Nacht über Bayreuth« überliefert Friedelind auch, wie ihr Vater lustige Scherze gegen die Nazis zu Weihnachten oder zu Winifreds Geburtstag gemacht hat: »Zu Weihnachten oder zu Mutters Geburtstag hatte Vater stets einige Scherze vorbereitet, die gewöhnlich die Nazis, die den besten Stoff für jeden Witz boten, lächerlich machten. Zum diesjährigen Weihnachtsfest hatte Vater eine Hausapotheke geschreinert, leere Flaschen hineingestellt mit Etiketten, die die komisch klingenden Namen der Bayreuther Nazis trugen (zufällig hatten die meisten von ihnen merkwürdige und belustigende Namen); jeder Flasche war ein Gedicht beigefugt, das die Krankheiten, die mit den Medikamenten kuriert werden sollten, beschrieb. Dieser Scherz war nicht nur auf Mutter, sondern auch auf Daniela gemünzt, denn meine Tante war eine fanatische Homöopathin und schleppte stets eine Apotheke mit sich herum.

Ein anderes Mal hat Vater eine Höhle gebaut mit einem Wolf und einem Dachs darin: »Der Wolf in der Dachshöhle« nannte er sie. Das sollte Hitler und seine Münchner Wirtin, die Dachs hieß, darstellen.« (a.a.O.; 72).

Dank diesen verschiedenen Elementen in »Nacht über Bayreuth« entsteht die Meinung, Siegfried war mehr liberal als rechtsradikal. Wir werden nun zwei andere Meinungen – von Dr. Brigitte Hamann und von Prof. Dr. Peter P. Pachl – analysieren.

 


b) Hamanns und Pachls Meinungen

Hier werden wir Hamanns Buch »Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth« und Peter Paul Pachls »Siegfried Wagner, Genie im Schatten« hinsichtlich der politischen Anschauung Siegfried Wagners betrachten. Diese zwei Historiker haben zwei gegensätzliche Meinungen hinsichtlich des uns interessierenden Themas. Wir werden mit Hamanns Sicht beginnen, zunächst aber einige biografische Details zu Brigitte Hamann.

Frau Hamann ist in Essen geboren, sie studierte Geschichte und Germanistik in Münster und in Wien und ist Doktor der Philologie. Als Historikerin hat sie zahlreiche Bücher veröffentlicht, vor allem zur österreichischen Geschichte. Besonders erfolgreich waren »Rudolf, Kronprinz und Rebell«, »Elisabeth, Kaiserin wider Willen« und »Bertha von Suttner«. Auch ihr vorletztes Buch »Hitlers Wien« wurde zum Bestseller, es wurde von Presse und Fachwelt hoch gelobt und in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Dr. Brigitte Hamann ist sicher, dass Siegfried auch rechtsradikal, wie Winifred, war. In einem in der Neuen Züricher Zeitung gegebenen Interview sagt sie zum Beispiel, dass »Siegfried ebenso gesinnungsradikal wie seine Frau war, nur strategisch besonnener. Er scheint nur ein liberaler Außenrepräsentant der Festspiele zu sein«. Für sie war Siegfried bezüglich der jüdischen Wagnerianer verpflichtet: er brauchte Geld. In ihrem Buch erklärt sie ihre Meinung: »Als jüdische Wagnerianer protestierten und drohten, ihre Unterstützung einzustellen, fühlte sich Siegfried verpflichtet, Püringer in einem offenen Brief in der Deutschen Zeitung zu widersprechen: ‚Lieber Herr Püringer! Unter den Juden haben wir sehr viele treue, ehrliche und selbstlose Anhänger, die uns zahlreiche Beweise ihrer Freundschaft gegeben haben. Sie wollen, dass wir diesen Menschen unsere Türen verschließen, sie nur aus dem Grund, dass sie Juden sind, zurückweisen. Ist das menschlich? Ist das christlich? Ist das Deutsch? Nein!« (Hamann, 68). Für Hamann hatte Siegfried keine andere Wahl, so zu handeln, weil er unbedingt Geld brauchte: »Diese später viel zitierte Distanzierung vom Antisemitismus hatte durchsichtige Gründe: Siegfried wusste, dass er sich in der Öffentlichkeit mit Rücksicht auf die Festspiele vorsichtig verhalten musste. Er brauchte dringend Geld, auch das der Juden. Diese Einsicht hielt ihn privat nicht von antisemitischen Äußerungen ab. Im September 1922 waren bereits 5 Millionen Mark zusammen.« (ebda.). Hamann schreibt auch, dass Siegfried von Hitler begeistert war: »Schließlich hatte Siegfried nach einem außerordentlich lebendigen Gespräch in seiner spontanen Art seine Hände auf die Schultern des zwanzigjährigen Adolf Hitler gelegt: ‚Weißt du, du gefällst mir!. Er war auch von Hitler angetan in seiner äußerst bescheidenen, doch bestimmten Art und bot ihn bald darauf das Du an«.

Hamann erklärt auch, dass Siegfried über die Putschpläne Bescheid wusste. Apropos Begeisterung für Hitler sagte Siegfried zum Beispiel: »Gottlob gibt es noch deutsche Männer! Hitler ist ein prachtvoller Mensch, die deutsche echte Volksseele. Er muss es fertig bringen!« (a.a.O.; 85). Nach Hamann habe Siegfried schon in Hitler »den künftigen Retter Deutschlands aus tiefster Erniedrigung erkannt«. Ebersberger sagte: »So  darf man mit Recht Siegfried Wagner als einen der ältesten Kampfer des Führers bezeichnen. Er hielt ihm die Treue bis zu seinem Tode«.

Joseph Goebbels hat nämlich starke Worte gegen Siegfried benutzt, welche aufzeigen können, dass Siegfried nicht rechtsradikal war: »Wir treffen in Bayreuth Winifred Wagner und die vier herzigen Kinder. Siegfried ist ein feiger Hund. Kriecht vor den Juden!«. Winifred war auch erstaunt, als Siegfried den zweiten Teil »Mein Kampf« las: » Sogar der Fidi liest ihn!!!« Dabei ist nicht nur das Wort »sogar«, sondern die durch dieses Winifred-Zitat belegte These, dass Siegfried Wagner Hitlers Pamphlet gelesen hat, bestätigt. Hierzu gibt es ein weiteres Winifred-Zitat: »Am 25. spricht Wolf hier – ich graule mich schon davor – denn Fidi will mich nicht hineinlassen, und ich gehe doch hinein!!!«. Man sieht hier, dass Siegfried nicht so passiv war: er hatte Winifred verboten, Hitler zu sehen. Der Führer sagte einmal über Siegfried: »Denn Siegfried: Persönlich war er mit mir befreundet, aber politisch war er passiv!«.

Wir haben Hamanns Meinung analysiert und wir verstehen, dass sie Siegfried im selben Licht sieht wie Winifred, das heisst, in der NS-Bewegung und für Hitler sehr politisch engagiert. Nun werden wir eine hiervon ganz verschiedene Meinung, die antipodisch zu  Hamanns Sicht steht, analysieren, die Meinung Peter P. Pachls.

Prof. Dr. Peter P. Pachl ist 1953 in Bayreuth geboren. Er war Intendant in Rudolstadt, Regisseur an zahlreichen deutschen Theatern und als Musikschrifsteller ist er der Verfasser von »Siegfried Wagner musikdramatisches Schaffen« (1979) und von »Siegfried Wagner, Genie im Schatten« (1988).

Bereits am Anfang des Buches »Siegfried Wagner, Genie im Schatten« sieht man schon deutlich, was Pachl über Siegfrieds Talent denkt: »die Idee hingegen, dass auch der Sohn ein schaffender Künstler werden könne, begeistert den Vater: ‚Wenn dieser Junge nicht besser und größer wird als ich, dann lügt alle Physiognomik.« (a.a.O.; 22). Pachl sagt klar und deutlich, dass Siegfried kein Nazi gewesen ist: »Um dem Rechtsradikalismus bei den Festspielen entgegenzuwirken, lässt Siegfried im Festspielhaus einen Appell anschlagen: »Wir bitten das verehrte Publikum herzlich, nach dem Schlusse der Meistersinger nicht zu singen. Hier gilts der Kunst!«. Siegfrieds Appell ist original erhalten mit dem Auftrag an die Druckerei: »Bitte in großen Lettern gleich reichlich drucken lassen, überall aufzukleben. ‚Singen fett zu drucken.« (a.a.O.; 354).

Adolf Hitler wurde von Siegfried Wagner nicht gemocht: »Adolf Hitler gehört zu den Festspielgästen des Jahres 1925 inkognito, wie er behauptet, da Siegfried Winifred beschworen hat, sie möge alles daran setzen, dass Hitler nicht wieder erscheint. Hitler rächt sich in der Öffentlichkeit dafür auf seine Weise: er besucht die Künstlerkneipe ‚Eule, in der er besonders viele Freunde Siegfrieds anzutreffen hofft, und wettert gegen die ‚Rassenschande, denn Siegfried hatte die Partie  des deutschen Göttervaters mit dem Juden Friedrich Schorr besetzt.« (a.a.O.; 354).

Was Hitler im Grunde nicht an Siegfried mochte, war dessen unpolitische Haltung. Die parteilich festgelegte Politik lehnte Siegfried ab und trat auch nie einer Partei bei. Er weigerte sich, Alfred Rosenbergs nationalistischer Gesellschaft für deutsche Kultur beizutreten. Die Gefahr, die durch Hitlers politische Machinationen bereits Ende der zwanziger Jahre heraufzog, erkannte er nicht. Friedelind berichtet: »Mein Vater lachte über den seltsamen ‚Messias meiner Mutter. Er glaubte, wie die meisten Anderen, dass der sich selbst erwählte ‚Retter nicht die geringste Chance auf Erfolg habe. Diese Meinung so vieler Menschen verhalf Hitler am meisten zu seinem erstaunlichen Aufstieg. Niemand von Bedeutung nahm ihn ernst.«

Man kann sich trotzdem fragen, warum Siegfried nie wirklich Winifred verboten hat, Hitler zu sehen. Die Antwort ist klar: Aufgrund seiner antiautoritären Erziehungsmethoden wollte er seiner Frau den Umgang mit Adolf Hitler nicht verbieten, sondern versuchte, auf  humorvolle Weise ihre Schwärmerei für Hitler ad absurdum zu führen. Er stellte Hitler unter dem Namen »Wolf« in seiner Oper das flüchlein, das jeder mitbekam als dümmlichen und sadistischen Räuberhauptmann dar.

Hans Mayer nannte Siegfried einen »Weltmann« und »geheime(n) Kosmopolit«. Pachl dokumentiert auch Siegfrieds Hass auf das Hakenkreuz: »Hier ist vor der dritten Zeile ein halbes Hakenkreuz gekritzelt, das in der Zeile darunter (‚Als hätte man sich gar nicht lieb) eingekreist, als vollständiges Symbol erscheint, dem für die beiden letzten Zeilen ein großes Omega (wohl als Ewigkeitssymbol: ‚Lieb werden wir uns haben!) entgegensteht. Daraus wird deutlich, dass Siegfried das System des Hakenkreuzes als das der Lieblosigkeit erkannt hat, und zwar spätestens nach der Lektüre des im Juli 1925 erschienen Buches ‚Mein Kampf, das Winifred – als Hitlers Anstifterin zu diesem unmenschlichen Pamphlet – Siegfried zweifellos geschenkt hat. In der ersten Phase sieht Siegfried sich in dieser Aussage selbst gespiegelt, für ihn ist das ‚Als hätt man sich gar nicht lieb zur traurigen Tatsache geworden. Der Optimist Siegfried fügt freilich ein utopisches ‚Lieb werden wir uns haben an.« (Pachl, a.a.O.; 391). Obwohl Siegfried nicht gerne mochte, dass Hitler in Wahnfried war, hat Hitler – ohne Siegfrieds Wissen – mehrfach in seinem Haus übernachtet, wovon ihm dann die Kinder berichtet haben, die der aufstrebende Politiker so für sich eingenommen hat, dass Siegfried weder mit Liebe noch mit Strenge etwas auszurichten vermochte. Friedelind berichtet: »Wieland, Wolfi, Verena und ich, wir alle liebten Wolf, weil uns seine Erzählungen der Abenteuer begeisterten, die er auf seinen Reisen durch Deutschland erlebte (…). Sein Leben war spannend für uns, weil es so ganz anders war – alles war wie ein Märchen, sein Auftauchen bei uns so spät in der Nacht, seine Erzählungen über sein gefährdetes Dasein.«

In der Neufassung seines Opus 18 war Siegfried massiver. Wolf ist ein Mörderbruder, allerdings einer, der sich selbst die Hände nicht schmutzig macht, aber mit dem Teufel unter einer Decke steckt. Nur darf Siegfried den Teufel diesmal nicht beim Namen nennen, denn damit widerspräche er seiner eigenen These, nach der er jenen Teufel liebt, »der uns zwickt zur rechten Zeit, wenn wir übermutig werden wollen«. Siegfried hatte auch eine große Angst: Winifred könnte nach seinem Tode Hitler verheiraten. Er hat also ein Testament gemacht: in diesem Testament war Winifred erlaubt, nur dann die neue Festspielleiterin zu werden, wenn sie nie wieder heiratete.

»Es scheint unmissverständlich, dass Siegfried mit diesem Testament in erster Linie eine mögliche Heirat zwischen Winifred und Wolf ausschließen will – und damit natürlich auch eine legitimierte Verbindung zwischen dem Kunstwerk Richard Wagners und dem Kopf der Nationalsozialisten, die ihm – jenseits von allen politischen An- und Absichten – allein schon ästhetisch, aufgrund der Wahl des von Siegfried so gehassten Brauns, zuwider sind. Und politisch vertreten die Nazis genau das Gegenteil von dem, was Siegfried in seinen Opern, die in ihrer Gesamtheit alle eine Forderung nach Liberalität und Toleranz darstellen, vertritt. Dass diese Intoleranz, die Siegfried in Hitlers ‚Mein Kampf erst voll bewusst geworden ist, so mit der Idee des Deutschen Geistes verquickt ist, will ihm nicht recht einleuchten.« 

Nach der Lektüre von Pachls Buch erscheint Hamanns Tendenz auffällig, den »schlappen« Siegfried Wagner zum Antisemiten und frühen Nazi zu stilisieren. Es gab in den Siegfried Wagners Biographie durchaus auch antisemitische Äußerungen des nationalen erzogenen, aber kosmopolitisch empfindenden Wagner-Sohnes zu lesen, ,,insbesondere in frühen Familienbriefen, wo er sich nur allzu deutlich dem offiziellen Sprachgebrauch der Familie anpasst.«  Nach der Lektüre von ‚Mein Kampf warnte Siegfried öffentlich vor ‚Wolf, dem brutal-sadistischen Räuberhauptmann. Während Siegfried klar umriss, was passieren würde, wenn Adolf Hitler an die Macht kommen sollte, glaubte Winifred Wagner dass »Wolf« von den Brutalitäten seiner Parteileute nichts wisse.

Andererseits brachte Markus Kiesel in seinen »Studien zur Instrumentalmusik Siegfried Wagners« (1994) einige Argumente für Siegfrieds Rechtsradikalität auf. Kiesel hat darauf hingewiesen, dass das End-Datum der Skizze zu glück der 20. April 1923, mit Hitlers Geburtstag identisch ist. Hamann schreibt: »Um keinem Zweifel an der Deutung des Stücks zu lassen, notierte Siegfried in der Partitur das Datum, an dem er den Teil abschloss: 20. April! also Hitlers Geburtstag.« Hamann deutet auch die Inhaftierung Mutharts in der schmied von marienburg als bewusste Anspielung auf Hitlers Inhaftierung in Landsberg. Die Partitur wurde aber bereits am 18. Februar 1920, mehr als drei Jahre vor Hitlers Putsch und Inhaftierung, beendet.

Nach Pachl, dem offiziellen Biographen Siegfried Wagners, ist diese Hypothese Kiesels und auch Hamanns absolut falsch. In meinem Gespräch mit Pachl habe ich tatsächlich erfahren, dass die Hypothese aufgrund des Zeit-Alibis nicht haltbar ist. glück, die sinfonische Dichtung, über die hier gesprochen wird, ist 1919 geschrieben. In der Skizze findet sich zwar das End-Datum 20. April (1919) mit dem Zusatz »Himmelfahrtstag«. Hitlers erster Besuch in Wahnfried ereignete sich jedoch erst am 30. Oktober 1919. Nach Pachl hat Hamann Kiesels Hypothese benutzt und zeitlich verlagert – keine richtige Tat für eine solch bekannte und respektierte Historikerin.

 


c) Ein Gespräch mit Peter P. Pachl 

Für meine Forschungen hatte ich das Glück, auf einen Spezialisten zum Thema Siegfried Wagner und dessen Beziehungen zu Adolf Hitler zu treffen. Während der Dauer von rund zwei Stunden habe ich am 2. April 2003 in Berlin mit dem sehr respektierten Prof. Dr. Peter P. Pachl gesprochen. Ich werde hier dieses Gespräch in Form eines Interviews wiedergeben.

  1. Warum haben Sie, Dr. Pachl, über Siegfried Wagner geschrieben?

    Ich bin in Bayreuth geboren und mein Vater war sehr an der Musik Richard Wagners interessiert. Ich kam auf diese Weise schon sehr früh mit in die Oper und ab dem zehnten Lebensjahr alljährlich zu den Bayreuther Festspielen. Mit ca. 14 Jahren habe ich meinen Vater über die Person Siegfried Wagner befragt. Zu seinem 100. Geburtstag gab es in Hof ein Gedenkkonzert, bei dem ich das erste Mal Siegfrieds Musik gehört habe: ich war ganz begeistert. Später, nach meinem Abitur, hatte ich vor, eine Doktorarbeit über das Thema »Siegfried Wagners Werke« zu verfassen. Noch als Gymnasiast hatte ich die Chance, mehrmals Winifred in Wahnfried zu besuchen. Das ging gut, bis Winifred bemerkte, dass ich tatsächlich dabei war, etwas für Siegfried Wagners Werke zu bewirken.
     
  2. Warum wohl hat Siegfried seiner Frau Winifred erlaubt, Adolf Hitler zu Hause einzuladen?

    Siegfried war kein passiver Mann, er war nur sehr liberal. Seine Frau war sehr jung und er war wohl anfangs der Ansicht, dass diese Schwärmerei nicht andauern werde. Nachdem er jedoch »Mein Kampf« gelesen hatte, wurde er aktiv und bemühte sich darum, Winifred Einladungen Hitlers nach Bayreuth zu untersagen. Aber vergebens … Hitler ist oft in der Nacht  nach Wahnfried gekommen. Das Wichtigste für Siegfried war seine Kunst. Er war als Künstler engagiert prosemitisch, obwohl es eine Tradition in der Familie gab durch seinen Vater und, schlimmer noch, durch seinen Schwager Houston Stewart Chamberlain. Chamberlain machte sich ja zu Hitlers Propheten. Die Politik seiner Epoche war für Siegfried nicht unwichtig, denn er verarbeitete sie in seinen Werken. Dabei gab es einen deutlichen Unterschied zwischen seiner eigenen Kunst und der Bayreuther Kunst.
     
  3. Welche Beziehung hatte Siegfried zu Hitler?

    1919 wurde Adolf Hitler erstmals nach Wahnfried eingeladen. Friedelind Wagner schreibt in ihrem Buch »Nacht über Bayreuth«, dass Siegfried keine Hoffnung auf Hitler setzte, sondern Hitlers Plänen gegenüber sehr skeptisch war. Er war wie gesagt liberal, aber auch ein alter Monarchist. Adolf Hitler kam durch Winifreds Jugend und Naivität in enge Berührung mit Wahnfried. Siegfried war der Machtmensch Hitler deutlich unsympathisch, wie aus seinen Werken hervorgeht. Auch mochte er lieber mit jüdischen Künstlern und Sängern arbeiten, da er sie für flexibler erachtete als die deutschen Sänger. Trotz seiner antisemitischen Erziehung hat er das Ansehen des Juden als Negativfigur stets merklich relativiert.
     
  4. Brigitte Hamann hat eine ganz andere Meinung als Sie. Hat sie in ihrem Buch »Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth« einiges falsch dargestellt?

    Ja. Hamann hat mit mir telefoniert; ich habe ihr Materialien zur Verfügung gestellt, aus denen hervorgeht, dass Winifred die Aufführung von Werken Siegfried Wagners untersagt hat. Das hat Frau Hamann in ihrem Buch jedoch nicht geschrieben, da es nicht in ihr Bild passte. Möglicherweise auch, da sie ihren Auftrag von Wolfgang Wagner erhalten hat. Siegfried hat auch im privaten Kreise Scherze über Hitler und die Nazis gemacht, wie in Friedelind Wagners Buch nachzulesen ist.
     
  5. Was halten Sie von Wieland?

    Wieland war der beste Regisseur seiner Zeit, eine Dimension entfernt etwa vom Regisseur Wolfgang Wagner. Wieland hat Ende des Zweiten Weltkriegs in einer Forschungsstelle ein eigenes Büro gehabt, in dem er Experimente mit Elektrizität und Licht durchgeführt haben soll. Er hat nach 1951 stets behauptet, er hätte keine Beziehung mit dem Führer gehabt, obwohl man weiß, dass er Hitlers Günstling war – entgegen dem Testament Siegfried Wagners, das seine ehelichen Kinder zu gleichen Teilen bedacht hat.
     
  6. Hat Winifred wirklich am Kriegsende Hilfsaktionen für die Juden gemacht?

    Das ist eine Hypothese, die mir erst aus Hamanns Buch bekannt geworden ist. Natürlich liegt es im Menschen, Jemanden zu retten. Gut möglich, dass sie sich hierfür ihrer Freundschaft mit Hitler versichern konnte. Aber umgedacht hat sie bekanntlich nie. Als ich ihr berichtete, ich würde an der Münchner Universität Musikwissenschaft studieren, bezeichnete sie den Ordinarias als »alten Judd«. Nota bene: Professor Georgiades war kein Jude, sondern Grieche!
     
  7. Gibt es Parallelen zwischen Siegfried Wagner und dem Siegfried in Richard Wagners »Ring«?

    Das war zumindest vom Schöpfer so beabsichtigt, denn Richard Wagner hat seine Kinder nach den Helden seiner Musikdramen benannt, Isolde nach der weiblichen Hauptrolle von »Tristan und Isolde«, Eva nach der Tochter Pogners in den »Meistersingern von Nürnberg«, und Siegfried nach dem Helden im zweiten Teil des »Ring der Nibelungen«. Für mich ist der Siegfried im »Ring« eine stupide Figur, aber von Richard Wagner war er als positive Figur konzipiert. Kurioserweise ist der Vorname Siegfried sehr häufig bei deutschen Juden.
     
  8. Hat Hitler Wagners Werke wirklich gelesen?

    Das nehme ich doch an, aber er hat sie auf seine Weise gedeutet. Er hat zum Beispiel den Gral im »Parsifal« als das arische Blut gedeutet, und dennoch war ihm dieses Werk suspekt. Houston Stewart Chamberlain, der Hitler in seiner Anschauung bestätigt hat, wurde von Cosima als ihr eigentlicher Sohn bezeichnet – im Gegensatz zu dem politisch nicht auf dieser Linie sich bewegenden und sich in keiner Weise völkisch betätigenden Sohn Siegfried. Houston Stewart Chamberlain war Cosimas Liebhaber, bevor sie ihn mit ihrer Tochter Eva in die Familie integriert hat. Hitler hat sich dann bereit erklärt, den von Chamberlain als Hauptanliegen Richard Wagners gedeuteten Auftrag, Deutschland von den Juden zu befreien, umzusetzen.
     
  9. Hat Richard Wagner gesagt, dass in einer Aufführung »Nathan der Weise« alle Juden verbrennen sollten?

    Ja, das hat er Cosima gegenüber geäußert. Aber das war eine Art von bösem schwarzen Humor. Er war ziemlich verbittert, als er das gesagt hat. Trotzdem glaube ich nicht, dass er das ernst gemeint hat. Er hatte ja als Zwilling zwei sehr unterschiedliche Seelen in seiner Brust.
     
  10. War Siegfried als Regisseur begabt?

    Er war mehr als begabt, er war der Beste! Max Reinhardt und er waren die beiden besten Regisseure ihrer Zeit. Er hat viele neue Techniken erstmals eingesetzt und ist in seinen Arbeiten weit über die Regie- und Szenenvorschriften seines Vaters hinausgegangen. In der »Götterdämmerung« waren es beispielsweise zahlreiche dramaturgische Lichteffekte, was relativ modern für diese Epoche und entsprechend umstritten war.
     
  11. Stimmt es, dass Siegfried die Skizze zu glück am 20. April, dem Geburtstag Adolf Hitlers, beendet hat?

    glück
    ist Anfang 1919 komponiert, und Hitler hat Wahnfried das erste Mal am 30. Oktober 1919 besucht. Es gibt keine Verbindung zwischen dem End-Datum der Skizze, dem 20. April 1919 und Hitlers Geburtstag. Diese Hypothese, von Markus Kiesel als Denkmodell entwickelt und von Brigitte Hamann dann noch verfälscht (mit Bezug auf die Fertigstellung der Partitur) übernommen, entbehrt historisch jeglicher Grundlage. 

 
 

In diesem ersten Punkt (der Magisterarbeit; A.B.) haben wir die Figur Siegfried Wagners analysiert, auch sein Talent als Regisseur und Dirigent, und seine Beziehung zu Hitler und seine Meinung über ihn. Wir haben gesehen, die Beziehung zwischen den beiden Männern war ziemlich schlecht. Nun werden wir Winifred Wagners Figur und ihre enge Beziehung mit Hitler beobachten. […]


Fanny Chassain


Quelle: Mitteilungsblätter der Internationalen Siegfried Wagner Gesellschaft e.V., Bayreuth, XXXIII 2004 (mit freundlicher Genehmigung der Autorin; leicht gekürzt und redigiert)

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