In seinen Memoiren »Mein Cello und ich und unsere Begegnungen« (New York 1965; München 1975) erzählt der russische Cellist Gregor Piatigorsky (1903-1976) zahlreiche amüsante Anekdoten aus seinem Leben; Ulrike Frohn, Wakefield/England, machte uns auf das Kapitel »Wo ist der Cello-Kratzer?« mit der nachfolgenden kurzen Episode aus der Zeit seines Engagements am Berliner Philharmonischen Orchester aufmerksam:
Aber es verging kaum ein Tag ohne irgendeine Überraschung. Eines Morgens fand eine Probe statt: Wagner, dirigiert von Wagner. Nicht von Richard natürlich, sondern von seinem Sohn Siegfried. Auf jeden Fall kam es für mich ebenso unerwartet, als hätte ich in Rußland irgendeinmal den Bruder Tschaikowskijs kennengelernt. Ich hatte das Gefühl, einem nahezu prähistorischen Menschen zu begegnen. Siegfried Wagner war ein freundlicher Mann, ungefähr fünfundfünfzig Jahre alt; er dirigierte höflich, als ob er sich dabei entschuldigen wollte, seines Vaters sowie seine eigene Musik. Ich fand, dass seine Ouvertüre mit dem Titel AN ALLEM IST HÜTCHEN SCHULD! Charme besaß, aber er tat mir leid, wenn er von Richard Wagner sprach. ›Mein Vater hätte hier ein wenig mehr Kraft gewollt‹, oder: ›An dieser Stelle hätte er weniger diminuendo gewünscht.‹ Ich erwartete bei ihm in jedem Moment, dass er sich auf seinen Papa berief.