Mit SONNENFLAMMEN und »La Traviata« stehen nun in Halle zwei bedeutende Werke von Siegfried Wagner und Giuseppe Verdi gleichzeitig auf dem Spielplan – das erste dramaturgisch betreut, das zweite inszeniert von Peter P. Pachl, dem Vizepräsidenten der Internationalen Siegfried Wagner Gesellschaft.
Achim Bahr
Die »Traviata« stammt aus einer musikalischen Welt. Das Leben der Madame Duplessis, der Vorlage für die Kameliendame, spielte sich zu einem wichtigen Teil in den Opernhäusern ab. Die Klavierschülerin von Abbé Franz Liszt war auch dessen Geliebte. Nach Roman und Schauspiel von Alexandre Dumas dem Jüngeren fand sie Eingang in die aktuelle Opernproduktion, wie auch ihr literarisches Vorbild, die »Manon Lescaut« des Abbé Prevost.
Musikalisch-familiär reicht die Verbindung – via Verdi – bis ins frühe 20. Jahrhundert: In seiner Herzensanliegens-Oper STERNENGEBOT orientiert sich Franz Liszts Enkel Siegfried Wagner bei seinem Vorspiel zum zweiten Akt hörbar am Beispiel des Vorspiels zum ersten Akt der »Traviata«.
Die Linie der Verkörperungen der Kurtisane auf der Opernbühne reicht von Monteverdis Poppea über die Hetären im Opernschaffen Jules Massenets, hin zu den schuldlos-schuldigen weiblichen Hauptfiguren im Opernwerk Siegfried Wagners, etwa in der ehrbaren Dirne Adelasia in der Oper RAINULF UND ADELASIA (deren Uraufführung im Oktober 2003 bei den Festspielen Herbstliche Musiktage Bad Urach erfolgen wird) über Schrekers laszive, dirnenhafte Frauengestalten – der Fürstin (»Flammen«), Greta (»Der ferne Klang«), der Prinzessin (»Das Spielwerk und die Prinzessin« und »Das Spielwerk«), Carlotta (»Die Gezeichneten«) und Els (»Der Schatzgräber«) bis zur Balkis im unvollendeten Opernwerk »Memnon« – und über Schreker bis zu dessen Schülern, insbesondere zu Alban Berg, der Marie in »Wozzeck« und der Lulu im gleichnamigen Opernfragment. Die Lulu bezeichnet Götz Friedrich zu Recht als »die um ein Jahrhundert jüngere Schwester Violettas«.
Peter P. Pachl