Der Schmied von Marienburg – 2. Akt, 1. Szene

Orgelkonzert mit Gesang am 21. August 2026 in der Bayreuther Stadtkirche
Szene der Friedelind, bearb. von Ulrich Leykam – Uraufführung
Rebecca Broberg (Sopran), Christoph Bruckmann (Flöte), Ulrich Leykam (Orgel)

 


 

2. Akt 

1. Scene

Wald-Lichtung. Links Hütte des Einsiedlers, davor eingezäunter Garten, der die Breite der Bühne fast ganz einnimmt. Der Einsiedler, ein Mann im kräftigen reifen Mannesalter (ohne den üblichen Theater-Eremiten Bart) sitzt vor seiner Klause in ein Buch vertieft. Voller Sonnenschein. — Im Hintergrunde, durch die Bäume hindurch, sieht man die Nogat fließen.

FRIEDELIND
herbei eilend, an der Gartenpforte rüttelnd
Auf!

EINSIEDLER
Wer ist’s?
er steht auf und öffnet die Türe. Friedelind eilt mit ihm vor; sie setzen sich vor der Klause nieder.

FRIEDELIND
Friedelind in Not! Hilf! o hilf!
Um meine Sache steht es schlimm!
Aus dem Fenster bin ich heimlich geklettert!
Grete half, die Herzensgute!
Nun hilf Du weiter!
Du allein vermagst es!
Drum hör’ mich:
Ich liebe! Ich liebe wie toll!
Und wen?
Alfred, den Ordensritter, des Hochmeisters Neffen!

EINSIEDLER
Törin! Weißt Du nicht!

FRIEDELIND
Alles weiß ich!
Gieß’ nicht noch Öl in die Flammen!
Mein Unrecht drückt mich schwer,
doch es zu heben, fühl’ ich keine Kraft!
Kürzlich trafen wir uns Nachts,
in einer Spelunke war’s,
bei einem Mummenschanz!
Leichtfertig ging es zu!
Ich schäme mich, dass ich’s tat!
Zum Glück kannte keiner den Andern,
denn Larven trugen sie alle!
Nur geheime Zeichen einten die Paare!
Wer kommt da herein gepoltert?
Der Vater! rast und tobt!
Man löscht die Kerzen bis auf Eine:
Im Dämmerlicht schlägt der Alte nach uns
und meint, er habe den Schatz erkannt!
Und nach der Ritter Heimkehr,
laut vor Allem Volk,
will wider mich und Alfred er klagen!
Mein Ritter, ehrlos aus der Burg verbannt,
ich verachtet, bedeckt mit Schand’!
O Schmach! Wehr’ sie von uns ab!
Den Vater umzustimmen,
könnt’ es Dir nicht glücken?
›Vater‹ dies Wort will nicht recht heraus!
Vater den zu nennen, der mich hasst!
Was mag im Innern ihn verbittern?
Tat ich ihm doch nie Böses an?
Nie hör’ ich ein freundliches Wort!
Nie tröstet ein gütiger Blick!
Nahrung reicht er, wohl, weil er muss!
Am liebsten ließ er mich verhungern!
Kürzlich, mein Geburtstag war es,
zugleich Gedenktag meiner guten Mutter,
die mir Leben spendend,
ihr eig’nes dem Tode weihte:
Da hielt es mich nicht mehr!
Von Schmerz bewältigt fasst’ ich ihn fest
und flehte unter heißen Zähren:
›Vater! sei mir gut!
Wenn ich ahnungslos Dich gekränkt,
verzeih’ mir meine Schuld!
Stört Dich mein Frohmut
oder ließ ich’s am Fleiße fehlen?
Was tat ich? O sprich nur!‹
Ich blickte bittend in sein Auge!
Weh!
Was ich da sah, das darf sich Auge nicht nennen!
Schwarz, kalt stechend!
Ein Geripp’ hat mehr Seele, wie sein Blick!
Scheu trat ich zurück,
als gähnte der Abgrund vor mir,
und Gretes Worte fielen mir ein,
die, dunkel zwar, aber doch bestimmt,
mich ein Geheimnis ahnen ließen,
das sterbend ihr die Mutter enthüllt’:
Nur in höchster Not, so gelobte die Magd,
würde sie ganz es offenbaren dürfen!
Dürft’ ich es hoffen!
O wäre sie schuldig!
Ich priese die Tat!
Alles ist heilig, was das Herz gebietend will!
O Mutter! unglückselige Frau!
Durch Zwang gekettet an den Verhassten!
Nur einmal sollt’ aus düstrem Gewölk
der Liebe beglückende Sonne ihr strahlen!
Für den sie von Jugend auf innig erglühte,
den störrischer Wille der Eltern ihr wehrten:
Zu ihm lodert die mühsam erstickte Flamme
mit doppelter Brunst aus der Asche empor:
Und die Flammen umschlingen sich!
Eins ist die Glut!
Und dem Bund entkeimt ein fröhliches Leben!
Der Himmel selbst segnet den heimlichen Bund!
Doch Lust und Leid,
untrennlich beid’,
mich zum Lichte führend,
zur Nacht sank sie selbst hinab!
Und aus Schmerz (so sagte die Magd),
an dem Tod Schuld zu sein,
sei der Freund, um heilig zu sühnen,
in des Waldes Einsamkeit geflüchtet,
dort zu beten und Armen zu helfen,
und so der Geliebten wert zu sein!
Sag! Wo wohnt der einsame Mann?
Wüsstest Du den Weg zu ihm?
Eine Locke meiner Mutter
birgt er treu an seiner Brust!
Das sei das Erkennungszeichen!
Du senkst das Haupt?
Und blickst so trüb?
Hörst nicht gern von irdischer Lieb’?
Kenntest Du sie, nicht würd’st Du sie flieh’n!
Dies Beben, dies Sehnen, dies fröhliche Jauchzen!
Dies Sich-vergessen!
Im-Andern-nur-Leben!
Dies Atem-halten!
Ob er schon naht!
Dies Bangen! Weh! ›Er bleibt aus!‹
›Doch ja!‹ Es sind seine Schritte!
Wonne und Glück!
Ja! er ist’s!
Einsiedlerchen!
Kennst Du dies Sehnen nicht?
Kenntest Du die Liebe wirklich nicht?
Warst Du immer so betend allein?
Sind Dir Bücher die einzige Lust?
Liebst Du nur das Litanei’n?
Hast Du nur Stein und Staub drinnen in Deiner Brust?
Oder warst auch Du einmal ein Zweisiedler?

EINSIEDLER
Aber Kindchen, schweig!

FRIEDELIND
Hast auch Du einer Maid ins Aug’ geschaut?
Oder bist auch Du solch ein trock’ner Wicht,
wie unsere Ritter es sein müssen,
die gleich trifft das Strafgericht,
sehnen sie sich nach holden Küssen!
Nein! Nicht gleichst Du Jenen!
Dein Auge, das sagt: ›Ja! ich kannte das Sehnen!‹
Und bist erst später so heilig geworden,
Kummer hat Dir die Liebe gebracht!
Glaubst, Du müsstest nun Buße tun!
Reue ist in der Brust erwacht!
Deine Hand bebt. Ich traf’s! Erzähl’!
Vertraue mir! Nichts verhehl’!
S’war wohl ein rechtes Herze-Leid!
Trennung oder gar Eifersucht und Neid?
Starb am End’ auch sie!
Und blieb Euch kein Trost? kein Pfand?
Zerrissen wär’ ganz das selige Band?
O denk’! Wie glücklich müsstest Du sein,
entblühte dem Bund auch solch ein Kindlein!
Und die Kleine wüchs’ und gedieh’ so schön
und würd’ eine Maid, so lustig anzusehn!
Und sie käme, den Vater zu grüßen,
läge schmeichelnd Dir zu Füßen,
wie ich jetzt liege!
Und fasste mit der Hand die seine,
wie jetzt ich Dich fasse,
und sie schmiegte den Kopf an seine Brust,
wie ich jetzt mich schmiege!
Und sie blickte auf in sein Auge,
wie ich in das Auge jetzt Dir schau!
Und sie flehte ihn um seinen Schutz!
Sag’! o sag’!
Würde der Einsiedler wehren?
Würd’ er sie verleugnen?
Würd’ seiner Liebe er sich schämen?
Sag’! Würd’ er das?
Einsiedler!
Sieh mir ins Aug’!