Als sich am 7. August 1972 sieben Enthusiasten im Bayreuther Bahnhofsrestaurant trafen, um einen Verein für Siegfried Wagner zu gründen, war die Musik des Komponisten, Regisseurs, Dirigenten und Festspielleiters von dessen Familie fast totgeschwiegen. An jenem Augusttag wurde mit der Gründung des Internationalen Siegfried Wagner Gesellschaft e.V. der Beginn einer Renaissance eingeläutet.
Als federführend zeigte sich von Anfang an der spätere Regisseur und Siegfried Wagner-Biograph Peter P. Pachl, der Tonaufnahmen, Klavierauszüge, Publikationen und Dokumente aller Art zu Siegfried Wagner sammelte und damit die Grundlage einer wissenschaftlichen Erforschung legte. Anders als erwartet, zeigten sich vor allem Siegfried Wagners Witwe Winifred sowie Sohn Wolfgang wenig kooperativ. »In Bayreuth kann es nur einen Wagner geben, und das ist nicht Siegfried«, fasste Pachl deren Einstellung zusammen. Da Winifred Wagner die Rechte an den Kompositionen ihres verstorbenen Mannes besaß, war an Aufführungen seiner Werke nicht zu denken.
Erst Friedelind Wagners Einfluss brachte Erfolge. Ab 1973 der ISWG als Präsidentin vorstehend, gelang es ihr nicht nur, viele Mitglieder zu gewinnen, sondern auch durch einen Trick das Aufführungsverbot ihrer Mutter Winifred zu durchbrechen (mehr dazu in: Mitteilungen der ISWG LIII, 2022; vgl.: 50 Jahre ISWG). 1975 konnte daher eine konzertante Aufführung von Opus 10, DER FRIEDENSENGEL, in London realisiert werden, womit das Eis für die weiteren Bühnenwerke, aber auch für Aufnahmen gebrochen war.
Unter ihrer Präsidentschaft gelang es nun, auch Wolfgang und Winifred Wagner als Mitglieder zu gewinnen; da man sich intern über die Ausrichtung der Gesellschaft allerdings uneins war, traten die verbliebenen Mitglieder der Familie Wagner in den 1980er Jahren aus der ISWG aus. Friedelind unterstützte jedoch weiterhin die Gesellschaft und spendete unter anderem große Summen für Aufführungen der Werke ihres Vaters.
1986 wurde Hans-Peter Mohr Präsident der ISWG. Mohr, der mit dem Werk Siegfried Wagners bestens vertraut war und bereits die nachgelassene Oper DAS FLÜCHLEIN, DAS JEDER MITBEKAM für die Uraufführung 1984 instrumentiert hatte, blieb bis 1992 im Amt. Unter seiner Präsidentschaft wurde im August 1987 die Gründung der Siegfried Wagner-Stipendienstiftung beschlossen, die Stipendien an Regisseure, Solisten oder Dirigenten aussprechen sollte.
1992 wurde Konrad Bach zum Präsidenten der ISWG gewählt. Zwischen Peter P. Pachl und Bach, Chefdirigent der thüringischen Rudolstädter Landeskapelle, entstand eine fruchtbare Zusammenarbeit, sodass von 1992 bis 1995 vier Opern Siegfried Wagners bei den Rudolstädter Festspielen aufgeführt wurden (DER BÄRENHÄUTER, BANADIETRICH, SCHWARZSCHWANENREICH und WAHNOPFER) und die Stadt für kurze Zeit zum Mittelpunkt der Neubefragung der Wagnerschen Werke machte.
1997 konnte man mit Werner-Andreas Albert einen renommierten, international tätigen Dirigenten als Präsident gewinnen, der mit seinem Entdeckergeist viel für die Diskographie Wagners tat und unter anderem die (konzertanten) Uraufführungen der Opern DIE HEILIGE LINDE (2001) und RAINULF UND ADELASIA (2003) leitete. Auch die erste Gesamtaufnahme von op. 5, STERNENGEBOT, mit arrivierten Solisten und dem Bayrischen Landesjugendorchester 1999 in Weikersheim ging auf seine Initiative zurück, ebenso die Einspielung sämtlicher Orchesterwerke Siegfried Wagners.
Sein Nachfolger wurde 2005 der Filmmusik-Spezialist Frank Strobel, unter dessen Präsidentschaft die ersten DVDs mit Inszenierungen der Bühnenwerke Siegfried Wagners realisiert werden konnten (DER KOBOLD, 2005). 2008 dirigierte er die Wiederaufführung von op. 13, DER SCHMIED VON MARIENBURG, in Gdansk, nicht weit vom Schauplatz der Oper.
An vielen dieser Produktionen war das 1980 von Peter P. Pachl gegründete pianopianissimo musiktheater als bewährter Partner beteiligt. Der Tod Peter P. Pachls im Jahr 2021 markiert eine Zäsur in der ISWG-Geschichte. Als spiritus rector der Gesellschaft ist seitdem Achim Bahr tätig, der bereits vorher maßgeblich als Organisator und Kurator der Ausstellungen und Veranstaltungen hervortrat.
Als Präsident steht ihm seit 2025 der deutsch-britische Komponist und Dirigent David Robert Coleman zur Seite, der sich in den vergangenen Jahren maßgeblich für die Förderung der Werke Siegfried Wagners eingesetzt hat: 2019 dirigierte er das große Konzert mit sinfonischer Musik von Siegfried Wagner in der Berliner Philharmonie, das Konzert zum 150. Geburtstag des Komponisten, dessen Erfolgsoper AN ALLEM IST HÜTCHEN SCHULD! sowie ein Orchesterkonzert am 27. Juni 2024, alle drei im Markgräflichen Opernhaus; zudem leitete er das Festliche Konzert in Haus »Wahnfried« zum 50. Jubiläum der ISWG am historischen Flügel Richard Wagners und zuletzt das Siegfried Wagner-Konzert bei Steingraeber.
Heute sind alle 16 vollendeten Opern Siegfried Wagners aufgeführt, 14 liegen zudem in guten Einspielungen vor. Auch die unvollendeten Werke und Wagners sinfonische Kompositionen wurden aufgenommen und sind über das Schallarchiv der ISWG abrufbar. Die jährlich erscheinenden Mitteilungen und eine bisher vier Bände umfassende Schriftenreihe erweitern die aktuelle Siegfried Wagner-Forschung fundiert und maßgeblich.
Christian Biskup
(Originalbeitrag: Mitteilungen der ISWG LIII, 2022; leicht gekürzt und modifiziert)