Scherzo ›Hans im Glück‹

Siegfried Wagner: ›Hans im Glück‹, arr. für Klavierseptett von David Robert Coleman, 2025   

 

Im Anschluss an die Festspiele des Jahres 1925 kompo­nierte Siegfried Wagner mit unglaublicher Geschwindigkeit seine große C-Dur SYMPHONIE in kürzester Zeit: die Partitur des 1. Satzes beendete er am 27. August, die des vierten schon am 6. Oktober 1925. Dabei griff er für die beiden mittleren Sätze des Werkes auf bereits fertige Kompositionen zurück: Als 2. Satz war zunächst das Vorspiel zu op. 10, DER FRIEDENSENGEL, vorgesehen und als Scherzo des 3. Satzes der Entwurf HANS IM GLÜCK

Achim Bahr

 


 

[…] Dieser [dritte] Satz ist weniger bezüglich der Spielzeit, als vor allem in der Taktzahl (531) gegenüber allen anderen Sätzen ziemlich disproportioniert. Man mag das darin begründet sehen, dass Siegfried Wagner ein schon 1924 komponiertes (allerdings nur im Particell vorliegendes) Orchesterscherzo HANS IM GLÜCK, das 1925, als die SYMPHONIE komponiert wurde, nicht publiziert und zur Zeit seiner Entstehung als möglicher künftiger Sinfoniesatz nicht vorgesehen war, an die Stelle des dritten Satzes gerückt hat; in die SYMPHONIE ging dieses Scherzo nahezu wörtlich ein.

Das Particell ist mit Bleistift in dreizeiligen Systemen ausgeführt, jeweils drei pro Seite. Es entspricht im Aufbau, der Tonart, der Themenführung wie der Taktzahl dem dritten Satz der SYMPHONIE genau, allerdings ist es, wie Streichungen Siegfried Wagners zeigen, ursprünglich gut hundert Takte länger gewesen. Man darf davon ausgehen, dass Siegfried Wagner diese Striche bewusst im Hinblick auf die Verwendung des Werks als Sinfoniesatz getätigt hat, wo er eben viel, aber nicht zu viel hat kürzen können, denn zur Zeit der Komposition des Particells (September / Oktober 1924) hat er höchstwahrscheinlich dessen Verwendung als Sinfoniesatz überhaupt nicht vorgesehen. Er vermerkt übrigens auf der letzten Seite der Skizze am Ende: »Bayreuth, 4. Oktober 1924 / nach den Festspielen / Schönes Herbstwetter nach schlechtem Somer [sic ]«.

[…] Siegfried Wagner hat sich in diesem Scherzo formal weitestmöglich von einer konventionelleren Scherzoform entfernt, insbesondere durch die höchst ungewöhnliche Behandlung und Metamorphose des Eingangsteils, als dieser nach dem Trio wiederkehrt. Es darf aber nicht vergessen werden, dass dieser Satz – ursprünglich eben das Scherzo HANS IM GLÜCK – somit vom Musikalischen her weitgehend eine sinfonische Dichtung ist. Für den Hörer ist die Musik voll Überraschungen: Modulationen, scheinbar leer dahin treibende Bewegungen, Trugschlüsse – dies alles deutet auf ein außermusikalisches Konzept hin, kann aber auch ohne die Kenntnis einer möglichen Handlung durch die blühende, volksnahe Melodik und die tänzerische Rhythmik als bloßes Hörvergnügen genossen werden. Es sei daher durchaus gestattet – ohne überladenen gedanklichen Hintergrund – den Satz nur als kaleidoskopischen capricieusen Tanzsatz zu deuten, mit dem Siegfried Wagner sein Werk effektvoll vervollständigt. Dass die SYMPHONIE in Gänze jedoch durchaus anders interpretiert werden kann, wird damit nicht verneint.

Während Kiesel1 eine intellektuelle, die Musik sezierende Formanalyse vornimmt, erkennt Pachl2 im musikalischen Verlauf des Satzes – für mich keineswegs überzeugende – Paralleli­sierungen des Ablaufs mit der Handlung des Märchens von »Hans im Glück«; Siegfried Wagner hat jedoch weder im Sinfoniesatz noch im Manuskript des ursprünglichen Scherzos diesbezügliche Hinweise hinterlassen.

Gunnar Strunz
Mitteilungen der ISWG LVI, 2025 (Auszug)

 

Anmerkungen: 

  1. Markus Kiesel: Studien zur Instrumentalmusik Siegfried Wagners, Frankfurt am Main 1994
  2. Peter P. Pachl: Siegfried Wagner. Genie im Schatten, München 1988, 21994