Rückblick auf Bayreuth

Über den Verlauf der diesjährigen Festspiele berichtet Siegfried Wagner zusammenfassend:


Unter einem günstigeren Sterne stehend, als dem dieses Jahr sonst beherrschenden Mars, schlossen unsere Festspiele ab, und ich möchte nun dankbaren Herzens derer gedenken, die es uns ermöglichten, unter so erschwerenden Umständen jene zu veranstalten. Der regen Tätigkeit des Richard Wagner Zentralvereins in Leipzig, der durch Gründung der Deutschen Festspielstiftung Bayreuth die unentbehrlichen Vorschüsse für die Vorarbeit gewähren konnte, ist es in erster Linie zu verdanken. Erfreulicherweise waren wir in der Lage, ihr die Vorschüsse zurückzuerstatten. Das gütige Entgegenkommen unserer Künstler mußten wir in diesem Jahr annehmen; in künftigen Jahren werden wir dieses nicht mehr beanspruchen dürfen, auch wollen wir es nicht, denn gerade die sind es, die unter den jetzigen Verhältnissen leiden, ausgenommen etwa jene Glücklichen, die von der Woge der Gunst zu höchsten Höhen getragen werden.

Ein guter Geist, eine sich steigernde Arbeitsfreudigkeit bis zum Schluß herrschte in dem über 500 Köpfe zählenden Personal. Ihm ist es in erster Linie zu verdanken, daß trotz eines ganz neu zusammengestellten technischen Personals auch szenisch alles ohne Störung gelöst werden konnte. Das finanzielle Resultat dieses Jahres, das als ein befriedigendes bezeichnet werden darf, ermutigt uns, die Festspiele im nächsten Sommer zu wiederholen. Die Vorarbeiten haben bereits begonnen. Die Notwendigkeit eines großen Anbaues für Schiebebühnen, Aufbewahrung der plastischen Dekorationen, ferner Probebühne usw. hat sich in diesem Sommer herausgestellt, und wird sofort in Angriff genommen. Auch sonstige zahlreiche Neuerungen, die wir aus Geldmangel im vorigen Jahre nicht beschaffen konnten, holen wir für nächsten Sommer nach. Wenn wir auch nicht gesonnen sind, Modeexzesse mitzumachen, weil dies ganz dem Charakter der Werke des Meisters widerspräche, so haben wir doch stets ein offenes Auge für alle guten szenischen und dekorativen Neuerungen gehabt. An Bühnen, wie z. B. der Dresdner Staatsoper, hält man sich ja auch von jenen Übertreibungen fern, ist dabei doch ganz modern, ebenso auch die Rollerschen Inszenierungen in Wien. In dieser Art wollen auch wir vorwärts streben. Es war uns von Bedeutung, daß anerkannte Künstler wie L. v. Hofmann und Slevogt über die als ›veraltet‹ verlästerten Dekorationen des ersten und dritten Aktes Parsival [sic] sich voll des Lobes ausdrückten. Die Neuerungen können natürlich nicht alle auf einmal gemacht werden, dazu fehlt es an Geldmitteln. Unser alter Festspielfonds, durch die Inflation vollständig zerronnen, muß erst langsam wiedererstehen.

Die Vollendung zu erreichen, ist uns Menschen nicht gegeben, aber ihr uns zu nähern, muß unser Streben sein. Aus den zahllosen Dankesschreiben, die ich erhielt, darf ich wohl den Schluß ziehen, daß unser aus den besten Elementen bestehendes Publikum – ich möchte lieber sagen, unsere Gemeinde, denn ein Publikum im gewöhnlichen Sinne des Wortes war das nicht – unsere Bestrebungen billigt. Wenn auch manches mangelhaft war, eines wird man uns doch wohl einräumen, daß das Drama voll zur Geltung kam, und das ist das Wichtigste.


Die Schönheit, 1924; Orthographie des Originals.