Die Historikerin Dr. Solveig Högemann und der Kulturwissenschaftler Daniel Sauer thematisieren in der 71. Folge des Flurfunk Geschichte vom 23. Juli 2026 Siegfried Wagner und den Bayreuther Wahn.
Anlass für diesen Podcast (Dauer: 1 Stunde 21 Minuten) war unsere Ausstellung im Schwulen Museum in Berlin 2017 sowie die dazugehörige gleichnamige Publikation unserer Neuen Schriftenreihe :
Die Folge verhandelt hier, wie schwierig gleichgeschlechtliches Begehren historisch fassbar ist – zumal es unter Paragraph 175 kriminalisiert war.
Ausgehend von Richard Wagner – über den sie »eigentlich nie sprechen wollten« (!?) – und dessen Antisemitismus werden – oft albernd und allzu oft kichernd – u. a. der Bayreuther Kreis, Philipp zu Eulenburg, Clement Harris und sowohl Siegfried Wagners queere Besetzungsstrategie als auch seine politische Haltung angesprochen:
Ob Siegfried diese Begeisterung [für Hitler] teilte, bleibt fraglich – Hitler selbst nennt ihn 1942 ›politisch neutral‹. Tatsächlich verweigert sich Siegfried mehrfach: 1921 lehnt er es ab, Juden aus Publikum und Kulissen auszuschließen; 1926 tritt er, anders als Winifred, nicht in die NSDAP ein, was Goebbels mit feminisierenden Spottversen quittiert; und 1929 legt er jedem Gast das Libretto seines neuen Werks ›Das Flüchlein, das jeder mitbekam‹ auf den Teller, dessen Bösewicht, ein Räuberbaron namens Wolf, Hitlers Spitznamen trägt. Das Stück wurde nie aufgeführt.
Neben manchen Unschärfen wie dieser werden Siegfried Wagners ERINNERUNGEN als »postum veröffentlichte Memoiren« und außer GLÜCK! auch die symphonische Dichtung SEHNSUCHT kurzerhand als Clement Harris gewidmet bezeichnet. Zumindest bei der Quintessenz ihrer Sendung berücksichtigen die Autoren zum Teil Resultate der neueren kritischen Siegfried Wagner-Forschung:
Erst nachdem er Hitlers Schriften las, soll deren exterminatorischer Antisemitismus ihn zu einem bekennenden ›Philosemitismus‹ bewegt haben – der […] dieselben Stereotype nur positiv wendet und deshalb keine echte Lösung ist. Der Kern der Folge ist genau diese Uneindeutigkeit: Siegfried ist weder rein noch verkommen, sondern tief in seiner Bayreuther Bubble verankert – bequem abgesichert durch Geld, das auch Erpresser zum Schweigen bringt, und geformt von einer Ideologie, ohne sie mit Leidenschaft zu vertreten.
Jene ›Bubble‹ habe er nur einmal verlassen, nämlich mit Clement Harris.
Der Podcast wird auf Youtube folgendermaßen angekündigt:
Ein schwuler Mann im Zentrum eines deutschnationalen Kults – und Bekannter Hitlers: Siegfried Wagner, Sohn Richard Wagners, passt in keine einfache Schublade. Zwischen Bayreuther Wahn, Paragraph 175 und NS-Nähe.
Solveig nimmt uns mit in einen der kompliziertesten Stammbäume der Musikgeschichte. Sie beginnt beim Vater – dem Heine-Fan Richard Wagner, der zum Antisemiten und Hetzer wird – und dem fast sektenhaften Kult, der um die Villa Wahnfried entsteht. Über den Bayreuther Kreis, Houston Stewart Chamberlain und Arthur de Gobineau führt eine direkte Linie bis zur NS-Ideologie.
Und mittendrin: Siegfried, homosexuell, deutschnational […]